Donnerstag, 29. September 2022

Oliver Twist [Kurzrezension]

 

Quelle: Verlag

Heute habe ich mal wieder einen Klassiker für euch, mit dem ich mich an der Uni intensiv beschäftigt habe: "Oliver Twist" von Charles Dickens. Dieses Buch habe ich für ein Proseminar im Hinblick auf den Atem untersucht. Hört sich schräg an, oder? Immerhin ist das ein Buch und natürlich atmen Bücher nicht. Die Figuren darin aber schon, zumindest in ihrer eigenen Welt. Und ich habe in meiner Arbeit die These aufgestellt, dass sich ihre Atmung unterscheidet und zwar abhängig davon, welcher gesellschaftlichen Schicht sie zuzuordnen sind. Meine Argumentation reichte von Dingen wie dem ständigen Husten Fagins über die Gerüche, denen Oliver in unterschiedlichen Umgebungen ausgesetzt ist, bis hin zum Tod durch Erhängen. Ich sage das nicht oft über wissenschaftliche Arbeiten (außer natürlich vor Professor:innen), aber ich habe es genossen, diese Arbeit zu schreiben. Ich hatte hier die Chance, einen Klassiker mal aus einer komplett anderen Perspektive zu betrachten und musste mich mit Theoretiker:innen beschäftigen, die ich ohne diese Lehrveranstaltung nie kennengelernt hätte. Diese Lehrveranstaltung war für mich "nur" ein Wahlfach, aber ich habe trotzdem das Gefühl als wäre das einer der Kurse im letzten Semester, die mir am meisten gebracht haben.

Nun aber zum lieben Oliver. Von dem haben wir doch alle schonmal gehört, oder? Ich selbst musste Ausschnitte davon im Englischunterricht lesen und habe Teile des Films gesehen. Damals hat mich dieser Roman aber nicht wirklich interessiert. Natürlich nicht, ich war Schülerin. So kam es auch, dass ich nicht mal mehr genau wusste, worum es in "Oliver Twist" geht. Ich wusste, dass Oliver ein Waisenjunge ist und Ärger bekommt, weil er um eine zusätzliche Portion Essen fragte. Das wars auch schon. Dabei ist das nur der Beginn des Romans: Oliver Twist ist tatsächlich ein Waise. Zuerst lebt er bei einer geizigen Pflegemutter, dann wird er in ein Arbeitshaus geschickt und dort als Lehrling an einen Totengräber verkauft. Von dort flüchtet er nach London, wo er gezwungen wird, sich einer Diebesbande anzuschließen.

Ich war überrascht, wie modern sich "Oliver Twist" liest. Vom Stil her hätte dieser Roman genauso gut auch vorgestern erscheinen können. Klar kommen manchmal ältere Phrasen, die ich erstmal nachschlagen musste, aber hätte ich diesen Roman nicht für eine Proseminararbeit gelesen, wäre ich wohl einfach in der Lektüre versunken. Auch wenn Oliver für meinen Geschmack aus moralischer Sicht fast schon ein Heiliger ist und dadurch einiges an Tiefe verliert, hatte die Geschichte ihren Reiz und konnte mich fesseln. Ich kann total nachvollziehen, warum dieser Text auch heute noch bekannt ist und warum er so lange überliefert wurde. Er ist einfach gut geschrieben.

Besonders spannend ist auch der historische Kontext. Wenn ihr also plant, "Oliver Twist" zu lesen, recherchiert davor auch ein bisschen war über die Armengesetze und über Charles Dickens Aufwachsen. Als Jugendlicher musste der Autor nämlich selbst einige Zeit in ein Armenhaus und dort die Schulden seines Vaters abarbeiten. Deswegen hat er sich in seinen Werken auch immer gegen die damaligen Armengesetze Großbritanniens eingesetzt. Super spannendes Thema, über das ich mich gerne eingelesen habe!

Das einzige, was mir als Leserin aus dem Jahre 2022 wirklich unangenehm war, ist der offensichtliche Antisemitismus dieses Werks. Klar, zu Charles Dickens Zeit war so ein Blick auf Menschen anderen Glaubens vielleicht normal. Das ist mir bewusst. Aber wir leben nicht mehr im Viktorianischen Zeitalter und aus heutiger Sicht ist die Darstellung des Antagonisten Fagins (der meistens einfach nur "the Jew" genannt wird) einfach nur unmöglich und fühlt sich falsch an.

Mein Fazit? Interessanter Klassiker, mit dem ich mich gerne beschäftigt habe.

Montag, 26. September 2022

Das irrationale Vorkommnis der Liebe

 Autorin: Ali Hazelwood
Erschienen am 20.09.2022
Im Rütten & Loening Berlin Verlag
ISBN: 9783352009648
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Für Neurowissenschaftlerin Bee ist die Liebe nur ein neurophysiologischer Zwischenfall, hoffnungslos instabil und der wahre Bösewicht menschlicher Beziehungen, deren neuronale Grundlagen sie erforscht. Als Frau in den Naturwissenschaften ist Bee eine bedrohte Art in einer von Männern beherrschten Welt, in der für sie stets gilt: Was würde Marie Curie tun? Dann wird ihr die Leitung eines neurotechnischen Wunschprojekts angeboten – was Marie Curie sofort annehmen würde. Aber die musste auch nie mit Levi Ward zusammenarbeiten, Bees langjährigem akademischem Erzfeind, der ihren Traum zum Projekt des Grauens macht. Bis Bee sich plötzlich in eine völlig irrational romantische Zwangslage verstrickt findet, in der nur noch zählt: Was wird Bee tun?"
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Jetzt hats mich nach über zweieinhalb Jahren doch noch erwischt und ich sitze mit Covid daheim. Schade, ich hatte echt schon gehofft, dass ich einfach immun gegen diesen Virus bin. Aber naja, wenigstens habe ich jetzt eine gute Ausrede, mich die ganze nächste Woche lang in meine Decken einzuwickeln, literweise Tee zu trinken und Bücher zu lesen. Und dann starte ich mit einer frischen Dosis Antikörper ins neue Semester! Eines der ersten Bücher, die mir in meiner Isolation Gesellschaft leisten durften war "Das irrationale Vorkommnis der Liebe", Ali Hazelwoods zweites Buch, das ins Deutsche übersetzt wurde. Ihr erstes Buch "Die irrationale Unwahrscheinlichkeit von Liebe" mochte ich ja total gerne. Was mich daran besonders begeistert hat, war die Tatsache, dass das Universitäts-Setting glaubwürdig war. Eigentlich traurig, dass das eines der ersten Bücher war, wo ich es den Protagonisten wirklich abkaufte, dass sie an der Uni sind und wo die Wissenschaft wirklich eine Rolle spielt.

In diesem zweiten Buch geht es um die Neurowissenschaftlerin Bee, die bei einem Projekt der NASA gezwungen wird, mit ihrem Erzfeind zusammenzuarbeiten. Warum sie genau Feinde sind, weiß sie nicht, aber irgendwas scheint Levi an ihr abstoßend zu finden, schon seit ihrem Studium.
Bee ist eine total interessante Persönlichkeit. Mit Neurowissenschaften habe ich mich bisher nicht wirklich beschäftigt, aber nach diesem Roman verstehe ich, warum man das interessant finden kann. Bee lebt für die Wissenschaft. Das zeigt sich auch an ihrem Online-Leben: Sie ist der Kopf hinter dem beliebten fiktionalen Twitter-Account "WhatWouldMarieDo?", mit dem sie anderen Frauen Tipps gibt, wie sie mit Sexismus und Ungerechtigkeiten in der Welt der Wissenschaft umgehen kann. Dass sie dieses Doppelleben hat, fand ich sehr interessant. Das einzige, was mich an ihr störte, war die Tatsache, dass sie alle paar Kapitel wieder in Ohnmacht fällt. Da hätte ich mir früher oder später eine wissenschaftliche Erklärung gewünscht, warum ihr das passiert. Ich merke doch, dass die Autorin für dieses Buch viel recherchiert hat - warum gibt es für ihre Ohnmachtsanfälle dann also keine Erklärung, die weitergeht als "Ich hab halt keinen stabilen Blutdruck." Gibt es das? Und wenn ja: Gibt es dafür nicht wenigstens irgendeinen intelligent klingenden lateinischen Fachausdruck, den man hätte einbauen können?
Levi war mir in den ersten paar Kapiteln so unsympathisch, dass ich schon daran zu zweifeln begann, dass sich da irgendeine Art von glaubwürdiger Liebesgeschichte entwickeln könnte. Allerdings gab es dann später eine sehr interessante Wendung/Entwicklung, nach der ich Levi einfach in mein Herz schließen musste.

Wie schon im ersten Teil habe ich mir vieles angestrichen. Manche der Zitate werde ich vielleicht sogar mit euch teilen.
Trotzdem liegt auch einer meiner sehr wenigen Kritikpunkte im Bereich Schreibstil. Oder besser: im Bereich des Lektorats. Denn leider wurde gerade gegen Ende des Buches der ein oder andere Fehler übersehen. Da spricht dann zum Beispiel plötzlich offensichtlich eine falsche Person, ein Anführungszeichen fehlt oder ein Beistrich wurde falsch gesetzt. Nichts wirklich Tragisches, passieren sollten solche Fehler allerdings trotzdem nicht. Allerdings habe ich ja ein Vorab-Exemplar bekommen. Ich kann also immer noch hoffen, dass diese Fehler gefunden und behoben wurden, bevor das Buch auf dem Markt landete.

Mein Fazit? Wieder ein tolles Buch von Ali Hazelwood. Ich freue mich auf weitere Bücher und hoffe natürlich, dass sich eines davon einer Literaturwissenschaftlerin widmet.

Freitag, 23. September 2022

Schnee

 Autorin: Yrsa Sigurdardottir
Erschienen am 31.08.2022
Im btb Verlag
ISBN: 9783442759521
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Was zwang die Freunde, sich mitten im harten Winter im isländischen Hochland zu bewegen, in Dunkelheit und Schneestürmen? Und warum verließen sie das kleine Obdach, das sie hatten, kaum bekleidet und den harten Bedingungen vollkommen ausgeliefert? Ein Rettungsteam wird in die abgeschiedene Gegend geschickt, um nach den Vermissten zu suchen. Währenddessen gehen an der einsam gelegenen Radarstation in Stokksnes seltsame Dinge vor sich. Nichts ist so, wie es scheint: Sei es die Blutlache, die im unberührten Schnee fernab der Zivilisation entdeckt wird, oder der kleine Kinderschuh, der Jahrzehnte nach der Vergrabung wiedergefunden wird …Angesiedelt in der grandiosen isländischen Landschaft, beschreibt Yrsa Sigurdardóttir überzeugend, wie das Gehirn uns in Ausnahmesituationen täuschen kann. Die Ikone des skandinavischen Thrillers beherrscht das Spiel mit der Imagination, der schmalen Grenze zwischen Einbildung und Realität, perfekt und zeigt mit »SCHNEE« ihr ganzes Können."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Sobald ich die Presseankündigung sah, dass Sigurdardottir ein neues Buch geschrieben hat, wusste ich, dass ich es lesen will. Bisher waren alle Thriller, die ich von ihr kennenlernen durfte, sehr spannend. Deswegen war ich auch neugierig auf ihren neuesten Thriller "Schnee" und habe mich sehr gefreut, als dieses Buch dann in meinem Postkasten lag.

Bevor ihr weiterlest: Dieses Buch bewegt sich sehr in Richtung Psychothriller und könnte vielleicht sogar schon als Horrorroman durchgehen. Bitte seid euch dem bewusst, bevor ihr dieses Buch lest.
Ich hatte zwischendurch wirklich Zweifel daran, ob meine Nerven gut genug für dieses Buch sind. In diesem Buch spielt unter anderem eine Türklingel eine Rolle, die läutet, obwohl das eigentlich nicht möglich sein sollte. Sie ist nämlich nicht angeschlossen. Am Abend nachdem ich diese Stelle gelesen habe, war ich zusammen mit meinen Freunden in einer Ferienwohnung. Und was passierte, als wir alle am Tisch saßen und "Jenga" spielten? Die Türglocke begann zu läuten, drei oder viermal. Zwei meiner Freunde gingen sogar raus, um nachzusehen, wer uns da einen Streich spielt, kamen aber mit der Nachricht zurück, dass da niemand sei. Wie im Buch also. Gar nicht gruselig oder unangenehm oder so und das hat auch meinen Schlaf überhaupt nicht beeinträchtigt. Auch wenn der logische Teil meines Gehirns natürlich wusste, dass das wahrscheinlich nur ein paar gelangweilte Jugendliche waren.

In diesem Thriller geht es unter anderem um Geister und um paranormale Erlebnisse, was im Klappentext meiner Einschätzung nach gar keine Beachtung findet. Deswegen an dieser Stelle meine kleine Warnung, falls ihr genau wie ich eh schon eine sehr aktive Fantasie habt und deswegen Horror aller Art eigentlich meidet.

[Spoiler] 
Ich hatte eigentlich gehofft, Sigurdardottir für all die Gruselelemente hier am Ende eine logische Erklärung findet. Das war leider nur teilweise der Fall. Trotzdem muss ich sagen, dass mir das Ende sehr gut gefallen hat, denn dir Autorin hat es geschafft, die verschiedenen Handlungssträng miteinander zu verknüpfen. Es spannend zu sehen, wie diese Figuren zusammenhängen und vor allem eine der Verbindungen weckte bei mir den Wunsch, das Buch gleich nochmal zu lesen. Einfach, damit ich sehe, ob da vielleicht schon Hinweise sind, die ich bisher übersehen habe.
[Spoiler Ende]

Ansonsten kann ich eigentlich nur nochmal betonen, was für einen tollen Schreibstil die Autorin (bzw. ihre Übersetzerin) hat. Der hat mich gefesselt und dafür gesorgt, dass ich die zweite Buchhälfte in einem Rutsch durchgelesen habe.

Mein Fazit? Mir persönlich wäre ein ganz normaler Thriller ohne die Horrorelemente lieber gewesen. Trotzdem konnte mich auch dieses Buch von Sigurdardottir wieder überzeugen.