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Sonntag, 29. Dezember 2024

A Few Rules For Predicting The Future [Kurzrezension]

 

Quelle: Verlag

Octavia E. Butler habe ich durch mein Studium kennengelernt - und im Buchclub "Kindred" von ihr gelesen. Mit diesem Buch hatte ich so meine Probleme, wie ihr in meiner Rezension nachlesen könnt, trotzdem habe ich irgendwann beschlossen, dass ich der Autorin gerne nochmal eine Chance geben möchte, mich zu überzeugen. Und dass ich dieses Büchlein in einer Berliner Buchhandlung fand, sah ich als mein Zeichen. Essays lese ich ja immer wieder gerne und auch, dass ich auf den ersten Seiten nur wenig Text sah, störte mich nicht. Wenn das Gesamtpaket passt, ist ja auch das in Ordnung.

Dann in der U-Bahn das böse Erwache - denn natürlich begann ich gleich hier zu lesen. Tatsächlich fanden sich nicht nur auf den ersten Doppelseiten jeweils nur ein oder zwei Sätze, sondern auf jeder, im ganzen Buch. Insgesamt könnte man den Text wohl auch bequem auf einer Doppelseite lesen und das, ohne die Schriftgröße übermäßig zu verkleinern. Ich war innerhalb von nicht mal zehn Minuten durch. Ich hab ja sowieso nicht damit gerechnet, ewig zu lesen - aber das war mir zu kurz. Auch die angekündigte "Kunst" riss mich nicht vom Hocker. Kunst unter Anführungszeichen, da sie für mich überhaupt nicht zum Text passte und eher störte, als illustrierend wirkte. 

Versteht mich bitte nicht falsch: Den Text an sich fand ich schön. Er ist intelligent und macht definitiv Lust auf mehr von der Autorin. Aber ist dieses Büchlein das Geld wert, das ich dafür bezahlt habe? Nein, definitiv nicht. Und deswegen kann ich das Buch auch nicht gut bewerten, denn das wäre euch, meinen Leser:innen, gegenüber nicht fair. Ich möchte nicht, dass ihr dieses Buch kauft. Holt es euch meinetwegen aus der Bücherei, leiht euch das eBook wo aus oder kauft euch eine ganze Essaysammlung der Autorin. Aber dieses Buch bitte nicht.

Mein Fazit? Schade, aber nein danke. Ich fühlte mich um mein Geld betrogen.

Dienstag, 9. Juli 2024

Trotz [Kurzrezension]

 

Quelle: Verlag

Ich war schon immer ein Trotzkopf, zumindest wurde mir das als Kind und Jugendliche gerne nachgesagt. Was natürlich nichts Positives war. Meine Eltern mussten mir deswegen zum Beispiel Nachhilfe finanzieren, weil ich meine Lehrerin in einem Fach so wenig mochte, dass ich das Fach komplett verweigert habe. Aber als erwachsene Frau bin ich natürlich nicht mehr trotzig - oder? Ich bin „durchsetzungsstark“, „selbstbewusst“, „Führungspersönlichkeit“, aber immer auch ein bisschen "schwierig". Wen überrascht es, dass ich durch dieses Buch meinen Trotz von Früher in diesen Beschreibungen wiedererkannt habe?

Dabei halte ich Trotz eigentlich nicht erst seit diesem Buch für ein nicht unbedingt nur negatives Gefühl. Trotz ist nicht nur ein schreiendes Kind an der Supermarktkasse - Trotz ist auch unglaublich produktiv. Wer Trotz fühlt, ist unzufrieden und bereit, sich zu gegen eine ungerechte Behandlung zu wehren. Zum Beispiel wenn man sich aus Trotz gegen politische Ungerechtigkeiten einsetzt, sich engagiert - oder auch einfach am Leben bleibt, auch, wenn es sich in diesem Moment fast unmöglich anfühlte. Beide Beispiel stammen aus diesem Buch. Denn die Autorin geht hier nicht nur auf Geschichte und Gesellschaft ein, sondern auch auf ihre eigene Biografie. Normalerweise mag ich das ja aktuell nicht wirklich, hier funktioniert diese Mischung aus sachlichen Essays und biografischer Erzählung aber gut. 

Erzählt wird das ganze Buch in einem unglaublich sympathischen Tonfall. Ich habe mit diesem Buch viel gelacht und mich einfach verstanden gefühlt. Ganz große Empfehlung!

Mittwoch, 22. Mai 2024

Scheiß auf Selflove, gib mir Klassenkampf [Kurzrezension]

 

Quelle: Verlag

Wenn ihr diesen Blog lest, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ihr ähnlich denkt wie ich, und in der ersten Sekunde total verwirrt von diesem Titel sind. Wie sollen denn bitte Selflove und Klassenkampf zusammenhängen? Aber naja, um uns diesen Zusammenhang zu erklären, dafür ist ja Jean-Philippe Kindler da. Er erklärt hier, warum der aktuelle Trend rund um Selflove ein Zeichen dafür ist, dass der Klassenkampf schon lange überfällig ist. Anschließend geht er auch noch auf andere Bereiche unseres Lebens ein und stellt die Frage: Wo zeigt sich das noch? Dabei geht er auf viele interessante Punkte ein und zeigt so, wie ein neuer Klassenkampf die Situation für uns alle verbessern würde.

Ich persönlich war bis zum Ende etwas verwirrt, wie ein Klassenkampf denn nun wirklich aussehen würde. Ich höre dieses Schlagwort aktuell immer und immer wieder - aber weiß bis heute nicht, was ich mir darunter vorstellen kann. Auch dieses Buch konnte diese Frage leider nicht klären.

Ich stimme dem Autoren sicher nicht in jedem Detail seiner Argumentation zu. Aber: Er spricht viele wichtige Punkte an, argumentiert gut und ich kann seine große Message unterstützen. Ich kann mir zwar (wie so viele von uns) keine Alternative zum Kapitalismus vorstellen, aber das hängt wahrscheinlich eher damit zusammen, dass ich halt in diesem System aufgewachsen bin und darin lebe. Das geht sicher den meisten von uns so. Trotzdem kann der Kapitalismus nicht unsere beste oder sogar unsere einzige Option sein. Dieses System basiert auf der Ausbeutung von Menschen und der Natur. Das darf nicht unsere beste Option sein. Daran will ich einfach nicht glauben.

Mein Fazit? Ein interessanter Essay, den ich gerne gehört habe.

Samstag, 23. Dezember 2023

Lese gefährlich

 Autorin: Azar Nafisi
Erschienen am 11.10.2023
Im btb Verlag
ISBN: 9783442773916
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Ein kämpferischer Appell für Literatur als Mittel des Widerstands und Empowerment: New-York-Times-Bestsellerautorin Azar Nafisi (»Lolita lesen in Teheran«) mit einem aufrüttelnden Text über die Macht der Bücher.

In Form von Briefen an ihren verstorbenen Vater (früherer Bürgermeister von Teheran und politischer Gefangener des Schah-Regimes), der ihr in ihrer Kindheit die Augen dafür öffnete, wie Literatur uns in Zeiten der Krise retten kann, stellt Nafisi die brennenden Fragen unserer Zeit – mit ihrer Lektüreliste bewaffnet Nafisi die Leser*Innen für den Widerstand. Sie greift dabei auf ihre persönlichen Erfahrungen als Frau, als Leser*in und Lehrende in Teheran zurück, die von der Universität verwiesen wurde, als sie sich weigerte, den Schleier zu tragen, und schließlich in die USA emigrierte, wo sie als Professorin Literatur unterrichtete. Nafisi ist überzeugt: Für das Überleben der Demokratie weltweit ist das Lesen unabdingbar. Ob James Baldwin oder Margret Atwood, ob Platon oder Salman Rushdie, Lektüre ist immer ein Weg in Richtung Freiheit: persönlich und politisch."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Literatur kann ganz schön gefährlich sein, vor allem für diktatorische Systeme und Terrorregime. Wie sonst kann man es sich erklären, dass in solchen Systemen Literatur zensiert und verboten wird? Bücher bringen uns auf andere Gedanken, zeigen uns andere Welten und bringen uns dazu, unseren Alltag und das System, in dem wir leben, kritisch zu hinterfragen. Und kritisches Denken und Perspektiven von außerhalb des Gewohnten können Diktaturen nicht brauchen.
Weltweit gibt es wirklich viele autoritäre Regime, eines davon ist der Iran. Und von dort stammt auch die Autorin dieses Buches. Ihr Vater war früherer Bürgermeister von Teheran und in ihrer Kindheit ein politischer Gefangener des Schah-Regimes und so wurden ihr schon in ihrer Kindheit die Ungerechtigkeiten von autoritären Systemen vor Gesicht geführt. In der Literatur hat sie Zuflucht gefunden und gleichzeitig haben ihr Bücher dabei geholfen, sich die Welt zu erklären und nicht die Hoffnung auf ein besseres Leben zu verlieren. Als Erwachsene unterrichtete sie dann Englische Literatur an der Universität von Teheran - wurde aber dann mit Lehrverbot belegt, da sie sich weigerte, einen Schleier zu tragen. Schlussendlich blieb ihr nichts übrig, als in die USA zu emigrieren, wo sie wieder unterrichten darf. Die Autorin ist also eine super interessante Frau, die viel zu erzählen hat.

Dieses Buch erzählt in Form von Briefen. Der Vater der Autorin, den ich ja gerade schon erwähnt habe, ist inzwischen verstorben - und um mit dieser Trauer umzugehen, schreibt die Autorin Briefe an ihn, so wie sie es auch während der Lebzeit ihres Vaters immer getan hat. Darin spricht sie über die Vergangenheit, die Gegenwart und Zukunft im Iran, den USA und weltweit. Sie schreibt über ihr eigenes Leben und über das Leben ihres Vaters - und wie ein roter Faden zieht sich die Literatur durch diese Briefe durch. In jedem der Briefe spielen zwei oder drei Autor:innen eine Rolle. Einige davon kannte ich bereits, einige andere noch nicht. Alle davon haben es gemeinsam, dass die Autorin Parallelen zur echten Welt ziehen kann. Mithilfe der Literatur spricht sie über das Leben in autoritären Regimen und darüber, wie wichtig es ist, Widerstand zu leisten. Wie dieser aussehen kann? Auch mit dieser Frage beschäftigt sie sich hier.

Dieses Buch ist definitiv keine einfache Lektüre. Da ist einerseits das literarische Wissen, auf das sich die Autorin wohl aufgrund ihres beruflichen Hintergrundes bezieht, und andererseits die Tatsache, dass es sich hierbei halt um ein hochpolitisches Buch handelt. Diese Briefe habe ich als sehr intensiv wahrgenommen, denn die Autorin verarbeitet hier nicht nur Trauer, sondern auch Zorn und Liebe und Angst und Hoffnung für die Zukunft. Und das habe ich zwischen den Zeilen stark wahrgenommen.

Gleichzeitig haben mir diese Texte vor Augen geführt, wie wenig ich eigentlich über den Iran weiß. Natürlich schaue ich regelmäßig die Nachrichten, wie wohl die meisten von uns. Aber das ist das erste Mal, dass ich quasi eine Innensicht bekomme. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlen muss, in einem solchen System zu wohnen. Gleichzeitig war ich überrascht, wieviel Widerstand trotz autoritärem Regime möglich ist - die sozialen Kreise der Autorin sind voll mit verschiedensten Arten des Widerstandes, auch wenn gleichzeitig auch übers Aufgeben gesprochen wird.

Ich habe dieses Buch überraschend langsam gelesen, denn ich habe immer wieder Pausen gemacht. Ich glaube, dass das langsame Lesen hier notwendig war, um die Briefe auch wirklich zu verstehen. Ich denke, dass ich nur so so viel aus diesem Buch mitnehmen konnte, wie ich es getan habe.

Mein Fazit? Ein wunderbares Buch, das spannend über das Leben der Autorin erzählt und die politische Bedeutung von Literatur hervorhebt, wie sonst kaum ein Buch, das ich je gelesen habe.

Mittwoch, 16. August 2023

Let's Talk About Sex, Habibi [Kurzrezension]

 

Quelle: Verlag

Dieses Buch hat mir die liebe V. aus dem Buchclub zum Geburtstag geschenkt. Im Herbst 2022 waren wir beide bei einer Gesprächsrunde mit dem Autor mit dabei. Wir beide waren begeistert und haben danach noch lange darüber geredet. Und sie hat auch schnell danach das Buch gekauft und gelesen und mir die Lektüre ans Herz gelegt. Und ich habe das Buch auch auf meine Wunschliste gesetzt - und danach nicht mehr wirklich daran gedacht. Aus irgendeinem Grund habe ich es nicht mehr in Buchhandlungen oder so gesehen oder zumindest nicht aktiv wahrgenommen. Nachdem es jetzt dann aber eh in meinem Zimmer lag, habe ich es auch gleich gelesen.

In diesem Buch geht es - wie könnte es bei dem Titel auch anders sein - um Sex. Genauer: Um Sex und Sexualität in Nordafrika. Denn beides hat bei uns in Europa nicht gerade den besten Ruf, was man gerade dann sieht, wenn rechte Politiker:innen und ihre Anhänger:innen mal wieder über Flüchtlinge sprechen. Haben wir alle schon mal mit anhören müssen, ich muss also nicht unbedingt wiederholen, welche Lügen da gerne verbreitet werden.

Der Autor betrachtet hier Sex und Sexualität auf verschiedenen Ebenen. Es geht zum Beispiel um den Kondomkauf in verschiedenen Ländern, um Aufklärungsunterricht in der Schule oder auch um Queerness. Der Schreibstil ist locker und über weite Stellen lustig, an den richtigen Stellen aber auch ernst. Einige Themen fanden mehr Platz als andere, was für mich durchaus verständlich war. Der Fokus lag immer auch darauf, welche Vorurteile Europäer:innen denn so gegenüber Nordafrikanern mitbringen und wie das tatsächlich ist. Amjahid spricht dabei auch viel über seine eigenen Erfahrungen mit diesen Themen, was ich für wichtig halte. Statistiken, Zahlen und Fakten sind ja schön und gut, aber Anekdoten aus dem eigenen Leben sind halt doch unterhaltsamer und bleiben im Kopf. Und Anekdoten hatte der Autor viele zu erzählen - in seinem Leben und als Journalist und Autor ist er doch schon viel herumgekommen.

Stellenweise hätte das Buch meiner Meinung nach strukturierter sein können, da der Autor doch manchmal über mehrere Themen gleichzeitig zu sprechen schien, das ist aber eigentlich schon der einzige Kritikpunkt, den ich hier ansprechen möchte. 

Mein Fazit? Ein sehr spannendes Buch, über das ich sicher noch das ein oder andere Gespräch führen werde.

Samstag, 17. Juni 2023

Frauen schulden dir gar nichts [Höbuch/Kurzrezension]

Quelle: Verlag

Wie viele von euch wissen, bin ich immer etwas kritisch, wenn Bücher von allen Seiten nur gelobt werden oder sogar ein richtiger Hype darum ausbricht. Und dieses Sachbuch ist eines der Bücher, die zumindest in meiner kleinen Blase des Internets ordentlich gefeiert wurden. Und ganz ehrlich: Ausnahmsweise finde ich, dass dieses Buch den Wirbel, der darum gemacht hat, auch wirklich verdient hat.

In diesem Buch geht es um Feminismus, wie Florence Given ihn sieht. Gleichzeitig ist es aber auch eine Art Selbsthilfebuch für Mädchen und junge Frauen. Als Altersempfehlung würde ich vielleicht 16 Jahre festlegen, auch wenn das natürlich immer abhängig ist von der Person, die dieses Buch lesen möchte. Ich hätte das Buch vielleicht schon mit 15 verschlungen, andere sind vielleicht erst mit 18 reif genug für dieses Buch. In jedem Kapitel hier werden unterschiedliche Themen gesprochen. Mal geht es um Consent, mal um verschiedene sexuelle Orientierungen, mal um Heteronormativität, mal darum, warum es nicht deine Aufgabe ist, deinen Partner zu einem besseren Menschen zu machen. Aber auch Themen wie "Pretty Privilege" (also die Tatsache, dass man als konventionell attraktiver Mensch bevorzugt behandelt wird), das Setzen von Grenzen oder sexuelle Belästigung finden hier ihren Platz. Dabei wird die Autorin stellenweise auch sehr persönlich: Sie spricht von ihren eigenen Erfahrungen mit diesen Themen, spricht über ihren Berufsalltag, aber streift auch immer wieder das Thema sexueller Missbrauch, wie sie es in ihrem Leben leider bereits miterlebt hat.

Das ganze Themenspektrum wird in einer Sprache behandelt, die auch für Menschen, die zum ersten Mal mit diesen Themen in Berührung kommen, verständlich sein sollte. Und das wirklich auf allen Ebenen. Du hast den Unterschied zwischen biologischem Geschlecht und Gender noch nicht ganz verstanden? Du nennst zwar Leute toxisch, weißt aber gar nicht wirklich, was das bedeutet?  Kein Problem, Florence Given erklärt dir das hier. Trotzdem war das ganze auch für mich, die sich bereits an der Uni mit diesen Themen befassen durfte, spannend, an manchen Stellen aufwühlend, an anderen lustig.

Besonders lobenswert finde ich, dass hier tatsächlich vor jedem Kapitel Triggerwarnungen kamen und die dann auch sogar im Hörbuch vorgelesen wurden. Das fand ich schön, denn so konnte ich jedes Mal wieder in mich gehen und kurz in mich hineinfühlen, ob ich zum Beispiel gerade einen Text zum Thema sexueller Belästigung hören möchte. Spannend fand ich auch die Checklisten, die nach vielen der Kapitel kamen. Hier werden zum Beispiel Merkmale toxischer Beziehungen aufgezählt, egal, ob diese platonisch, romantisch oder sexuell sind. Das fand ich hilfreich, denn nur wenn wir wissen, auf welche Warnzeichen wir achten müssen, sind wir in der Lage dazu, diese auch zu erkennen und rechtzeitig Grenzen zu setzen.

Meiner Meinung nach war die Hörbuchsprecherin Yesim Meisheit eine großartige Wahl des Verlagshauses. Sie vermittelt den Text super authentisch und glaubwürdig und ich habe ihr sehr gerne zugehört.

Interessanterweise habe ich fast das Bedürfnis, dieses Buch jetzt noch mal auf Papier zu lesen. Ich würde einfach total gerne sehen, ob das Innenleben dieses Buchs so schön gemacht ist, wie ich es mir vorstelle.

Mein Fazit? Sehr, sehr starkes Buch darüber, warum Frauen niemandem etwas schulden. Ich habe es geliebt.

Dienstag, 7. März 2023

Wie man mit einem Lachs verreist und andere nützliche Ratschläge [Kurzrezension]

 

Quelle: Verlag

Solltet ihr je planen, Literaturwissenschaft oder ein ähnliches Fach zu studieren, dann bereitet euch schonmal darauf vor, dass euch jeder in eurem Bekanntenkreis plötzlich kistenweise Klassiker vorbeibringen wird, denn ihr braucht die ja sicher dringender. Und dann habt ihr plötzlich vier Ausgaben von Goethes "Faust" als Reclamhefte herumliegen und wisst nicht so richtig, was man denn jetzt damit anfangen soll. Gott sei Dank sind da manchmal aber auch kleine Schätze dabei! Zum Beispiel hat mein Vater mir unter anderem dieses Buch vererbt - was bedeutet, dass ich nicht nur dieses Buch lesen durfte, sondern auch die Anmerkungen, die er in dieses Buch gekritzelt hat als er in meinem Alter war, was ebenfalls spannend ist.

Ich muss zugeben, dass ich bisher von Umberto Eco weniger Bücher gelesen habe, als ich wahrscheinlich gelesen haben sollte. Bei so großen Autor:innen gibt es da immer einen ziemlich ordentlichen Druck, dass ich das kennen muss, verstehen muss und jedem Menschen, den ich ganz zufällig im Bus treffe, erklären können muss. Und natürlich muss mir jede Notiz dieser Autoren gefallen, denn die sind Klassiker und haben damit eigentlich fast Heiligenstatus und nicht sofort vor ihren Werken auf die Knie zu gehen, grenzt fast schon als Ketzerei. Kein Wunder also, dass nicht immer unbedingt Lust darauf habe, die großen Werke zu lesen, denn so eine Art von Druck kann ich in meinem Leben nicht brauchen.

In diesem Büchlein findet ihr verschiedene Kurztexte von Umberto Eco. Größtenteils handelt es sich dabei um satirische Ratschläge und Gebrauchsanweisungen: Wie funktionieren öffentliche Bibliotheken? Wie rechtfertige ich meine Büchersammlung vor Fremden? Wie zitiere ich eigentlich richtig in wissenschaftlichen Texten? Wie überlebe ich den Zoll, wenn ich ins Ausland reise? Oder auch: Wie verreise ich mit einem Lachs? Diese Gebrauchsanweisungen fand ich super spannend und lustig. Es handelt sich dabei natürlich größtenteils um Satire und es war für mich sehr interessant, zu sehen, was denn zum Zeitpunkt des Entstehens gerade Themen gewesen sein müssen, die Umberto Eco beschäftigt haben.

Danach folgt ein Nachrichtenaustausch, der in der Zukunft zwischen verschiedenen Arten von Aliens stattfindet. Ich hatte ehrlich keine Ahnung, dass Umberto Eco je Science Fiction geschrieben hat. Spannend fand ich, dass die Kommunikation hier so stark durch Vorurteile der verschiedenen "Rassen" und durch Misskommunikation geprägt wird, sowie durch die Unfähigkeit, seinen eigenen Standpunkt zu verlassen. Das erinnerte mich stark an den Umgang, den wir Menschen auch untereinander haben, wenn es darum geht, mit dem "Fremden", dem "Anderen" umzugehen. Und wir sind ja alle nur Menschen! Keine unterschiedlichen Spezies, die von anderen Planeten abstammen.

Trotz der Tatsache, dass mich dieser Nachrichtenaustausch so offensichtlich zum Nachdenken anregte, muss ich gestehen, dass ich gegen Ende das Interesse an dieser Kommunikation verlor. Ich hatte einfach das Gefühl, dass mir Vorwissen zu dieser Welt fehlt, die Umberto Eco uns hier zeigt. Es würde mich interessieren, ob zu dieser Welt wirklich nur diese paar Nachrichten existieren, die hier abgedruckt wurden, oder ob diese Nachrichten eine Art "Zusatzmaterial" zu einem längeren Text sind, von dem ich einfach bisher nichts gewusst habe.

Dieses Buch schließt dann mit ein paar Kurzgeschichten, die mich aber ehrlich gesagt nicht so ganz fesseln konnten. Ich glaube das liegt vor allem daran, dass der Ton meiner Meinung nach nicht wirklich zu den vorhergehenden Texten passte.

Mein Fazit? Alles in allem ein cooles Buch, das ich über weite Teile spannend fand. Wie es aber mit Sammlungen dieser Art immer ist, war für mich nicht jeder Text gleich interessant und mit ein paar konnte ich leider auch gar nichts anfangen. Aber alles in allem eine lesenswerte Sammlung.

Mittwoch, 14. September 2022

Welt der Wunder

 Autorin: Aimee Nezhukumatathil
Erschienen am 17.08.2022
Im btb Verlag
ISBN: 9783442759422
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"In ihrer Jugend nannte Aimee Nezhukumatathil viele Orte ihr Zuhause: das Gelände einer psychiatrischen Anstalt in Kansas, wo ihre philippinische Mutter als Ärztin tätig war; der offene Himmel und die hohen Berge von Arizona, wo sie mit ihrem indischstämmigen Vater wanderte; und die kühleren Gefilde im Westen von New York und Ohio. Aber ganz gleich, wohin sie durch die vielen Umzüge ihrer Familie verpflanzt wurde – ganz gleich, wie neu, befremdlich oder sogar unangenehm der Ort oder die Landschaft war –, sie konnte sich immer an die wilden und lustigen Kreaturen unserer Welt wenden, um sich zu erden. In einer fantastischen Mischung aus Nature Writing und Memoir erzählt Aimee Nezhukumatathil von der Liebe zur Natur, von Unterstützung durch Pflanzen und Tiere in Zeiten großer Ungewissheit – und von der Kraft der Imagination."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Welche Tiere und Pflanzen haben wohl mein Leben geprägt? Darüber habe ich beim Lesen dieses Buchs nachgedacht. Meine erste und offensichtlichste Antwort wären wohl Katzen. Ich bin Katzenmama und diese Tiere haben mich mein Leben lang begleitet. Aber was sonst noch? Vielleicht die Eule, Seesterne, Schildkröten, Fledermäuse? Pflanzen sind für mich noch schwieriger. Wahrscheinlich Sonnenblumen, vielleicht auch die Herbstzeitlose, Tomaten, Birnen, Granatapfel und Feigen. Auf jeden Fall ist das eine Frage, über die ich länger nachdenken musste. Und die Begründungen, warum diese Pflanzen und Tiere wichtig für mich sind, könnten wohl ein ganzes Buch füllen. Die Idee dieses Buchs gefällt mir also schonmal sehr gut, wie ihr hier sehen könnt.

Das Buch an sich ist einfach wunderschön gestaltet. Es gibt farbige Illustrationen mit vielen Details, farbige Seitenzahlen, die auf die Farbe des ersten Buchstabens abgestimmt sind und das alles ist auf hochwertigem Papier gedruckt. Ich weiß nicht, wer für die Gestaltung dieses Buchs verantwortlich war, aber falls diese Person das hier irgendwann sieht: Wow! Das habt ihr großartig gemacht! Allein schon dadurch, dass das Buch mit so viel Liebe zum Detail gestaltet wurde und offensichtlich qualitativ hochwertig ist, habe ich es gerne in die Hand genommen. Und viele der Illustrationen sind so schön, dass ich mir die sogar an die Wand hängen würde. Und das will was heißen, denn meine Wände schmücken sonst nur Post-its und sonstige Lernunterlagen.

Auch den Schreibstil finde ich gut gelungen. Positiv hervorheben möchte ich hier auf jeden Fall die Tatsache, dass die Übersetzerin offen mit ihren Leser:innen kommuniziert. In diesem Buch gibt es von ihrer Seite einen eigenen Text, in dem sie bestimmte Entscheidungen erklärt, die sie im Übersetzungsprozess treffen musste. Das war für mich sehr interessant, da ich so mal hinter den Vorhang sehen konnte.

Der einzige Kritikpunkt von meiner Seite ist, dass ich an manchen Stellen einen roten Faden vermisste. Bei diesem Buch handelt es sich um eine Mischung aus Autobiographie und der Beschreibung von Pflanzen und Tieren. Die Gewichtung der zwei Textsorten war aber in jedem Kapitel unterschiedlich. Da hätte ich mir mehr Einheitlichkeit gewünscht.

Mein Fazit? Sehr schön gestaltetes Buch.

Dienstag, 30. August 2022

Dunkelheit. Eine Liebeserklärung an den Nachthimmel

 Autorin: Sigri Sandberg
Erschienen am 10.08.2022
Im btb Verlag
ISBN: 9783442770212
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Wann haben Sie zum letzten Mal die Sterne gesehen?

Im Winter ist Norwegen in Dunkelheit getaucht. Aber ist das auch wirklich der Fall? Zwei Drittel der Norwegerinnen und Norweger, wie auch 80 Prozent der Menschen in Nordamerika, können nachts die Milchstraße nicht mehr sehen. Straßenlaternen, Neonlichter und Bildschirme erhellen den Himmel und machen es unmöglich, etwas im Nachthimmel zu erkennen. Solange sie denken kann, hat Sigri Sandberg Angst vor der Dunkelheit. Mitten im Winter begibt sie sich allein auf eine Reise in die Berge, um sie zu erleben und zu verstehen, was hinter der Angst steckt. Auf ihrer Reise macht sie uns mit einer besonderen Frau bekannt: Christiane Ritter, die 1934 einen ganzen Winter in einer Trapperhütte in Spitzbergen verbrachte."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Ich mag die Nacht. Während die Autorin dieses Büchleins bei der Vorstellung, eine Woche in einer einsamen Hütte abseits der Zivilisation während der Polarnacht zu verbringen, totale Angst bekommt, hätte ich zumindest mit der Dunkelheit kein Problem. Die Tatsache, dass ich weit weg von der Zivilisation und doch eher tollpatschig bin, würde mir mehr Sorgen bereiten. Die Dunkelheit stelle ich mir sogar recht schön vor. Nicht wegen der Dunkelheit, sondern weil ich dann endlich mal ordentlich die Sterne beobachten könnte. Ich gehöre nämlich zu den Menschen, die nachts keine Milchstraße sehen können. Das letzte Mal habe ich sie wohl vor zwei Jahren gesehen. Da war ich auf der Berghütte eines Freundes, keine Wolke war am Himmel und das Licht aus dem Tal störte uns auch nicht wirklich. Da waren so viele Sterne über mir, dass ich nur noch mit sehr viel Mühe Sternbilder erkennen konnte. Ich starrte nach oben, bis mein Nacken keine weitere Sekunde mehr erlaubte.

Die Autorin und ich haben also eine ziemlich unterschiedliche Ausgangssituation. Trotzdem hat sie es gewagt, zu dieser Hütte zu reisen und dort eine Woche zu verbringen. Und während sie dort Zeit verbringt, erzählt sie uns mehr darüber, warum die Dunkelheit wichtig für Menschen ist. Dass ich um 9 Uhr Abends keine Rezensionen mehr tippen sollte, weil das Blaulicht den Schlaf stört, ist mir bewusst. Aber dass es Theorien dazu gibt, ob künstliches Licht für die immer höhere Verbreitung von psychischen Erkrankungen mitverantwortlich ist. Ich habe hier viel Neues gelernt und fand diese Kapitel auch sehr interessant.

Bei diesem Buch handelt es sich um eine Mischung aus autobiographischer Erzählung und Sachtext. Diese Mischung ist immer interessant, aber nie ganz einfach zu verdauen und nie ganz leicht zu lesen. In "Dunkelheit" der Schreibstil stellenweise etwas schleppend - leider vor allem bei den autobiografischen Stellen, die mich besonders interessiert hätten. Diese hätten meiner Meinung nach auch detaillierter sein können. Dass während einer Woche in einer einsamen Hütte nicht viel passiert, ist mir bewusst, aber zumindest ein paar Eindrücke mehr hätte ich mir gewünscht. Immerhin ist so eine Erfahrung nicht alltäglich und eine Woche kann sehr lang sein.

Mein Fazit? Gefiel mir eigentlich ganz gut, aber von den autobiographischen Stellen hätte ich mir mehr Details gewünscht.

Mittwoch, 13. Juli 2022

Frauen, an die ich nachts denke

 Autorin: Mia Kankimäki
Erschienen am 16.05.2022
Im btb Verlag
ISBN: 9783442719358
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Mia, Anfang vierzig, hat den Job gekündigt, die Wohnung verkauft, und während andere Familien haben und Sommerhäuser kaufen, denkt sie während zahlloser schlafloser Nächte an Frauen – und das hat nichts mit Sex zu tun, sondern mit der Suche nach dem Sinn des Lebens! Ihres Lebens! Ihre Nachtfrauen – furchtlose Entdeckerinnen, begabte Schriftstellerinnen und leidenschaftliche Künstlerinnen – sind Schutzheilige, die sie um sich versammelt, um sich den Weg weisen zu lassen. Und eines Tages beschließt sie, Ernst zu machen, die Welt zu bereisen und den Spuren ihrer Nachtfrauen wirklich zu folgen – Karen Blixen nach Tansania, Sei Shōnagon nach Japan, vergessenen Renaissance-Malerinnen nach Florenz. Denn wenn diese Frauen es vor Hunderten von Jahren in die Welt geschafft haben, warum sollte Mia das dann nicht auch können?"
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Dieses Buch hat meinen gesamten Rezensionsplan durcheinander geworfen. Es ist keine leichte Lektüre, einfach mal hundert Seiten am Stück zu lesen, wie das für mich bei anderen Büchern leicht möglich ist, ging hier nicht. Spätestens nach 20 war mein Kopf so voll, dass ich pausieren und nachdenken musste. Deswegen habe ich mich mit diesem Buch auch um einiges länger beschäftigt, als ursprünglich geplant.

In diesem Buch geht es um exakt das, was im Titel angekündigt wird. Die Autorin schreibt über die Frauen, an die sie nachts denkt und warum sie an sie denkt. Da sind Weltreisende wie Nelly Bly dabei, Renaissancemalerinnen wie Artemisia Gentileschi und auch die moderne Künstlerin Yayoi Kusama. Der erste Abschnitt über die Weltreisenden war der längste, der Abschnitt über die Künstlerinnen der für mich interessantere. Die Autorin skizziert die Leben ihrer Heldinnen und gleichzeitig auch ihr eigenes. Sie versucht auf den Spuren dieser Frauen zu wandern, zum Beispiel durch Reisen nach Afrika oder Italien. Das war zu Beginn etwas ungewohnt, gleichzeitig aber auch spannend.

Besonders beeindruckt haben mich Artemisia und Nelly. Artemisia ist die Künstlerin, die das Gemälde "Judith und Holofernes" gemalt hat. Das musste ich im ersten Semester meines Studiums mit anderen Darstellungen derselben Bibelstelle vergleichen und ich war schockiert davon, wieviel Blut hier zu sehen ist und dass die Künstlerin sich dazu entschieden hat, Judith mitten im Mord zu malen. Noch dazu war da so viel Entschlossenheit in Judiths Blick. Da war kein Zögern, keine Verwirrung, kein unschuldiger Blick. Judith weiß genau, was sie tut. Das hat mich fasziniert und fasziniert mich auch heute noch. Die Geschichte hinter diesem Bild kannte ich aber nicht.
Nelly Bly wiederum war Journalistin und beschloss für einen Artikel so schnell wie möglich um die Welt zu reisen. Kennt ihr Jules Vernes Roman "In 80 Tagen um die Welt"? Sie wollte schneller sein als der Protagonist dieses Buchs. Und sie hat das geschafft - ohne Gepäck. Diese Frau reiste nur mit Handtasche und Regenschirm um die Welt! Und ich kämpfe damit, mich bei einem Wochenendtrip auf einen Rucksack zu beschränken!

Ich habe eigentlich nur einen Kritikpunkt. Mir ist klar, dass diese Frauen im Leben der Autorin eine besondere Rolle einnehmen. Wie alle haben Held:innen und natürlich wollen wir die nur in einem allerbesten Licht sehen. Trotzdem hätte ich mir bei manchen der Frauen etwas mehr Reflexion gewünscht. Gerade bei Karen Blixen wäre das meiner Meinung nach gut gewesen. Sie hat sich munter am Kolonialismus beteiligt und davon profitiert, hat extrem viele Tiere geschossen und scheint auch insgesamt kein besonders angenehmer Mensch gewesen sein - und trotzdem befasst sich ein guter Teil dieses Buchs mit ihr und das aus einer meiner Meinung nach aus einer Perspektive, die gerne hätte kritischer sein dürfen.

Abschließend muss ich hier fast noch darüber nachdenken, wen ich wohl als meine Nachtfrauen bezeichnen würde, oder? Also, Mary Shelley ist ganz sicher mit dabei und Marie Curie auch. Auf jeden Fall auch Margaret Atwood. Jetzt wohl auch Nelly Bly und Artemisia. Gerade über die Renaissance-Künstlerinnen in diesem Buch musste ich in den letzten Tagen viel nachdenken. So viel, dass ich jetzt dabei bin, eine Reise nach Florenz zu planen. Florenz war ja das Zentrum der Renaissance und noch dazu lebte ja auch Dante dort. Ich könnte dort also zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Renaissance-Kunst ansehen und gleichzeitig meine Dante-Sucht weiter füttern.

Mein Fazit? Interessante Lektüre über Heldinnen und wie sie das Leben der Autorin beeinflusst haben.

Donnerstag, 7. Juli 2022

Die Grenzen meiner Sprache

 Autorin: Eva Meijer
Erschienen am 9.05.2022
Im btb Verlag
ISBN: 9783442772285
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Über die heilende Kraft der Sprache, der Kunst, des Laufens, über Hunde und Katzen, über das Schweigen und Bäume im Winter.

Depression gilt in Deutschland inzwischen als Volkskrankheit, über 5 Millionen Menschen erkranken jährlich daran. Die Philosophin Eva Meijer erzählt von ihrer eigenen Erfahrung mit Depression und kommt dabei zu erstaunlichen neuen Erkenntnissen. Mit den Mitteln der Philosophie, mit Verweisen auf Wittgenstein, Camus, Foucault u.v.a. erklärt und untersucht sie das Phänomen, nimmt der Depression den Schrecken und zeigt, wie die Beziehung zwischen Individuum und Welt, die bei der Krankheit verloren geht, auf vielfältige Weise wiederhergestellt werden kann und was das Leben lebenswert macht."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Dass es für mich schwierig ist, über psychische Erkrankungen und über Depressionen zu sprechen, merkt man wohl allein schon daran, dass ich diesen ersten Absatz meiner Rezension ein Dutzend Mal umgeschrieben habe. Einige Menschen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis leiden an Depressionen oder haben irgendwann daran gelitten - und ein paar von ihnen lesen auch meinen Blog (Hey ihr!). Da ich selbst nicht betroffen bin, ist es mir wichtig, zumindest ein bisschen was an Grundwissen zum Thema anzusammeln. Ich möchte, dass sich meine Mitmenschen in meiner Umgebung wohlfühlen können und wenn ich aus Unwissenheit etwas Falsches oder vielleicht sogar Verletzendes sage oder tue, wird das nur schwer möglich sein.

Die Autorin litt selbst ihr ganzes Leben lang immer wieder an depressiven Episoden und zeitweise auch an einer Essstörung. Sie beschreibt in diesem Buch, wie sich Depressionen für sie anfühlen, wie sich ihre Erkrankung entwickelte und wie sich der Heilungsprozess für sie anfühlte. Doch all diese persönlichen Erlebnisse stehen eigentlich eher im Hintergrund des Buches. Sie werden von Meijer in Verbindung zu literarischen und philosophischen Texten über Depressionen gesetzt und so in einen breiteren Kontext eingebettet. Das machte dieses Buch für mich besonders interessant und hebt es von anderen Texten zum Thema ab. Die Autorin hat selbst Philosophie studiert und ist als Philosophin tätig. Einige der Philosoph:innen, die sie hier vorstellte, kannte ich bereits, viele waren für mich ganz neu. Manche davon habe ich mir für die Zukunft markiert. Schade finde ich nur, dass bisher noch nicht alle der Werke ins Deutsch oder Englische übersetzt wurden.

Spannend finde ich auch, wie sie ihre Depressionen beschreibt. Natürlich erwähnte sie auch die Symptome, die mir schon bekannt waren, wie Gefühlstaubheit, Verzweiflung oder Energielosigkeit, aber ein Detail war mir neu und ist mir im Kopf geblieben: Laut Meijer fühlen sich Depressionen so an als könnte man plötzlich keine Farbe mehr sehen. So wurde mir diese Krankheit noch nie beschrieben. Ich kann natürlich nicht wissen, ob diese Definition nur das Erleben der Autorin beschreibt oder allgemein zutrifft, aber ich glaube, dass mir diese Beschreibung hilft, mir die Krankheit ein bisschen vorzustellen. (Falls dieses Detail aber nur auf Meijers Erfahrung zutrifft, bitte ich an dieser Stelle um ein Veto!)

Irgendwie schafft es die Autorin aber auch Positives in ihren Text einzubauen. Das stelle ich mir bei einem Text wie diesem schwierig vor. Vor allem, Positives einzubauen, ohne dass das ins Unangenehme und Klischeehafte abrutscht. Irgendwie hat Meijer das aber geschafft. Sie schreibt dann zum Beispiel darüber, warum ihr die Depressionen geholfen haben, zu erkennen, was in ihrem Leben wirklich wichtig ist.

Mein Fazit? Ein Text, den ich euch sehr ans Herz legen möchte.

Montag, 2. Mai 2022

Wutschrift. Wände einreißen, anstatt sie hochzugehen

 Autorin: Pia Klemp
Erschienen am 16.3.2022
Im Penguin Verlag
ISBN: 9783328109273
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Habe Wut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen

Pia Klemp, Kapitänin, Aktivistin und Seenotretterin, fordert mehr Wut von uns allen. Wut, die zu Engagement führt, die uns antreibt, zu ändern, was schiefläuft. Es scheint, wir leben in wütenden Zeiten: Frauen fordern ihre Gleichberechtigung mit Männern, People of Colour die ihre mit Weißen, junge Leute einen verantwortungsvollen Umgang mit unserem Planeten, Menschenrechtsaktivist*innen ein humanes Verhalten gegenüber Geflüchteten. Das bringt ihnen Aufmerksamkeit ein. Aber nicht unbedingt Wertschätzung oder Verständnis. Benachteiligte sind nicht wütend, sie sind hysterisch. Nicht ernst zu nehmen. So scheint es. Und es ist an der Zeit, dass sich das ändert. Wut ist ein Werkzeug, das wir nutzen können, um Wände einzureißen, anstatt sie hochzugehen. Ein Impulsgeber, der aufzeigt, was uns wichtig ist. Denn wer nicht wütend ist, hat nur noch nicht richtig aufgepasst."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Im letzten Post noch als Neuzugang vorgestellt und jetzt schon fertig gelesen. So kann es gehen! Und wow, das war vielleicht eine emotionale Achterbahn für mich. Wie ich schon erwähnt habe, bin ich selbst ein recht… temperamentvoller Mensch. Nennen wir es mal so. War schon immer so und wird wahrscheinlich auch immer so bleiben. Und auch wenn mir das manchmal unangenehm ist, hat es doch auch seine guten Seiten. Ich denke nicht, dass viele Menschen von sich behaupten können, zum ersten Mal im zarten Alter von sechs oder sieben Jahren einen Onkel für seine blöden Sprüche zur Rede gestellt zu haben. Wut kann man immer aus mehreren Blickwinkeln betrachten. Bringt mich Wut dazu, unüberlegt zu handeln und manchmal auch Dinge zu sagen, die ich später bereue? Ja, definitiv. Aber gleichzeitig macht mich Wut auch mutig.

Aber leider nicht so mutig, wie Pia Klemp es durch ihre Wut ist. Sie ist eine wahre Heldin und ich glaube, dass sie das auch weiß. Sie war bereits auf mehreren Rettungsschiffen im Mittelmeer Kapitänin und hat dadurch unzähligen Menschen auf der Flucht das Leben gerettet. Und das, obwohl sie weiß, dass das zu Strafanzeigen und Gerichtsverfahren gegen sie führen kann (und auch bereits geführt hat). Diese Frau ist eine Heldin und wird vom europäischen „Rechtssystem“ als Verbrecherin behandelt. In ihrem Buch spricht sie darüber, warum sie die Wut für ein so wichtiges Gefühl hält und warum wir alle viel häufiger wütend sein sollten: Flüchtende Menschen ertrinken und werden in Elendslager gesperrt, Rassismus ist ein alltägliches Phänomen, Frauen sind immer noch nicht gleichberechtigt und wir sind auf dem besten Weg, unseren Planeten zu zerstören. Und trotzdem sollen alle ruhig bleiben und entspannt darüber diskutieren, ohne auch nur ein bisschen Wut zu zeigen.

Ich sage es euch ganz ehrlich: Dieses Buch hat mich wütend gemacht. Sehr wütend. Es war so, als hätte mir Pia Klemp durch ihren Text die Erlaubnis gegeben, die ganze Wut, die sich wegen der Ungerechtigkeiten der Welt in mir angestaut hat, einfach mal zu fühlen. Stellenweise ging das so weit, dass ich das dringende Bedürfnis bekam, dieses Buch einfach quer durch den Raum zu werfen – am liebsten in das Gesicht einiger Politiker:innen, die ich für absolute Vollkoffer halte, und ja, ihre Anhänger:innen würde ich damit auch gerne treffen. Ups?

Dieses Buch ist sicher nicht für jeden die perfekte Lektüre, ich halte es aber für spannend und für notwendig. Es passiert so viele Schlechtes in der Welt, das nicht passieren müsste. Wir könnten uns auch einfach alle zusammenreißen und alle zusammen eine gute Zeit haben. Aber nein: Aus irgendeinem Grund halten wir es für eine bessere Idee, unsere Planeten zu zerstören, Kriege zu führen, rassistisch zu sein, uns gegenseitig auszubeuten,… Klemps Buch ist ein Weckruf, dem in der Bücherbubble einfach viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Wenn ihr also nach dem nächsten Buch sucht, dass ihr durch einen Hype pushen wollt: Wie wäre es mit diesem hier?

Mein Fazit? Eine sehr wichtige Lektüre, die ihr nicht verpassen solltet.

Dienstag, 31. August 2021

Sie hat Bock [Kurzrezension]

 

Quelle: Verlag

Ich hatte große Erwartungen an dieses Buch, denn ich habe nur Gutes von diesem Buch gehört. Also wirklich ausnahmslos. Das muss ein Buch erstmal schaffen. Ich habe dann nach dem Lesen lange überlegt, ob ich dieses Buch hier rezensieren soll oder doch lieber nicht. Immerhin passt das nicht so wirklich zu diesem Blog. Klar, ich rezensiere hier alle möglichen Bücher zu allen möglichen Themen. Aber Texte über Sex? Das ist bis jetzt doch eher selten vorgekommen und daran wird sich wohl auch in Zukunft nichts ändern.

In diesem Buch finden sich sehr persönliche Texte der Autorin. Sie schreibt hier eine Art sexuelle Biographie. Dass die Texte autobiographisch zu sein scheinen, macht sie für mich (je nach Thema) umso interessanter bzw. schockierender. Die Autorin hat nicht nur einmal sexuelle Gewalt erlebt, auch schon in ihrer Kindheit und erzählt hier sehr offen davon. Es hat mich überrascht, dass sie scheinbar trotzdem ein positives Verhältnis zu ihrer Sexualität entwickeln konnte.

Für mich sehr überraschend war vor allem, dass die Autorin in einer offenen Beziehung lebt. Das ist etwas, das ich mir persönlich überhaupt nicht vorstellen kann. Ich freue mich für jede:n, der:die in dieser Art der Beziehung aufblüht und das auch ausleben kann. Macht was ihr wollt, solange alle Beteiligten einverstanden und erwachsen sind, mische ich mich da nicht ein. Ich meine: Wenn man den Bericht der Autorin liest, merkt man klar, dass sie und ihr Mann so glücklich sind. Aber für mich wäre das einfach nichts.

Leider wirkten die Texte stellenweise auf mich etwas herablassend. Ich möchte der Autorin nichts unterstellen und das muss auch gar nicht herablassend gemeint sein, aber so kam das bei mir an. Zum Beispiel wenn sie über das Thema Körperbehaarung schreibt oder über die Erziehung ihrer Kinder oder eben über ihre offene Beziehung. Wie gesagt, jede:r soll leben, wie er:sie das will. Aber ich will mich nicht schlecht fühlen, nur weil ich anders lebe.

An vielen Stellen hätte ich mir mehr Sachlichkeit gewünscht. Oder zumindest zwischendurch mal ein paar sachliche Absätze. Ich wollte das Buch ja vor allem lesen, um mich weiterzubilden. So war da für mich auf dieser Ebene leider nicht besonders viel Neues dabei.

Mein Fazit? Konnte meine hohen Erwartungen leider nicht ganz erfüllen. Es ist trotzdem stellenweise ganz interessant, aber eben leider nicht mehr.

Donnerstag, 8. Juli 2021

Konstellationen. Die Sprache meines Körpers

 Autorin: Sinéad Gleeson
Erschienen am 10.5.2021
Im btb Verlag
ISBN: 9783442770823
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Wie kann man die Geschichte des eigenen Körpers erzählen, in Gesundheit, Krankheit, Mutterschaft? Wie kann man diese Geschichte als Frau erzählen, noch dazu als Frau in Irland? Mit diesen mutigen und starken Texten tut Sinéad Gleeson genau das.Das ganze Leben ist in diesem Buch: von der Geburt zur ersten Liebe, von Schwangerschaft zu Muttersein, bedrohlicher Krankheit, Alter und Tod. Sinéad Gleeson nimmt uns mit auf eine Reise, die zugleich sehr persönlich und zutiefst universell ist."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Die Sprache, die in diesem Buch verwendet wird, ist wunderschön. Sie ist malerisch und poetisch und gefiel mir unglaublich gut. Die Autorin schrieb teils in Prosa, teils schrieb sie Gedichte, häufig spielte sie auf andere Texte und Autor:innen an. Gerade Letzteres liebe ich an Büchern, vor allem dann, wenn ich die Texte kenne, auf die angespielt wird. Ich konnte dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen und habe die einzelnen Texte mit großer Freude verschlungen.

Die Texte sind soweit ich das verstanden habe autobiographisch. Das macht die inhaltliche Bewertung für mich schwieriger. Vor allem, da das Thema doch recht ernst ist. Die Autorin beschreibt ihren Körper und ihr Leben in diesem Körper. Sie musste als Kind und Jugendliche mehrere schmerzhafte Operationen über sich ergehen lassen und war immer wieder auf Krücken oder sogar auf einen Rollstuhl angewiesen. Später bekam sie aufgrund der Antibabypille eine Thrombose und dann auch noch eine aggressive Form der Leukämie. Auch über ihre zwei Schwangerschaften und Geburten schreibt sie und warum es eigentlich immer politisch ist, wenn man über seinen Körper spricht, wenn man gleichzeitig auch eine Frau ist. Es geht um Ableismus, also um die Diskriminierung aufgrund von Behinderung und um Sexismus. Gleeson spricht über die Jugend, über das Alter, über Demenz und über den Tod. Also eigentlich deckt sie das ganze Spektrum der Körperlichkeit ab. Ich habe jeden der Texte mit großem Interesse gelesen. 

Mein Fazit? Super interessante Texte. Dieses Buch hat mir viele spannende Lesestunden beschert und ich würde mich freuen, bald noch mehr Texte der Autorin lesen zu dürfen.

Freitag, 18. Juni 2021

Ideen um das Ende der Welt zu vertagen

 Autor: Ailton Krenak
Erschienen am 13.04.2021
Im btb Verlag
ISBN: 9783442771127
Rezensionsexemplare: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Ein eindringlicher Appell – von einem der wichtigsten indigenen Vordenker Brasiliens

Die Menschheit steht vor der globalen Katastrophe. Der brasilianische Umweltaktivist Ailton Krenak sieht den Grund dafür in unserer bisherigen Definition vom Menschen – als Krone der Schöpfung, die berechtigt ist, die Natur nach Belieben auszubeuten. Sein eindringlicher Appell: Um unseren kollektiven Marsch in den Abgrund zu stoppen, müssen wir uns neu orientieren, veraltete Denkmuster loslassen und einen Weg zurück zu unserem Ursprung finden. Dabei helfen uns die verschiedenen kulturellen Auslegungen vom Menschsein, die überall auf dem Planeten zu finden sind. Nur so können wir das Ende der Welt vertagen."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Ich interessiere mich sehr für Klimaschutz - unter anderem aufgrund meiner Schwester, die bei Fridays For Future aktiv ist und mich immer wieder auf die Dinge aufmerksam macht, die ich besser machen könnte oder sollte. Deswegen war für mich auch klar, dass ich dieses Buch lesen möchte.

Dieses Buch besteht aus mehreren Essays zum Thema Umweltschutz und Klimakatastrophe. Denn wie wir alle in der Zwischenzeit hoffentlich mitbekommen haben: Der Klimawandel könnte für viele, vielleicht sogar für alle Menschen den Tod bedeuten. Und trotzdem wird das Thema von vielen mit einem Schulterzucken abgetan. Nicht aber vom Autoren. Er ist Mitglied der indigenen Bevölkerung Brasiliens, seine Vorfahren haben im Einklang mit der Natur gelebt und deswegen ist die Zerstörung unserer Umwelt für ihn auch sichtbarer als für jemanden wie mich.

Mir gefiel der Schreibstil. Es fühlte sich an, als würde der Autor einfach neben mir sitzen und mir von seiner Meinung zum Thema erzählen. Er verwendet eine sehr bildreiche Sprache, mit der ich gut umgehen konnte und von der ich nicht genug bekommen konnte. Diese Texte hatten definitiv Suchtpotential.

Ich bin mir nicht sicher, was der Autor als Lösung für unser Dilemma ansieht. Auf mich wirkte es so, als würde er einfach wieder in Einklang mit der Natur leben wollen, so wie seine Vorfahren - was ja auch total in Ordnung und eigentlich sogar echt cool ist! Aber ich weiß nicht, ob diese Strategie weltweit umsetzbar ist. Ich weiß nicht, ob das für mich umsetzbar wäre. Wenn ich über Umweltschutz nachdenke, dann gehe ich eigentlich immer davon aus, dass sich die Menschheit weiterentwickelt, umweltfreundliche Technologien entwickelt und wir es so schaffen, nicht auszusterben. Über eine Rückkehr zum Leben in und mit der Natur habe ich nie nachgedacht. Das wäre dann ja auch ein Leben ohne Computer, ohne Internet, ohne gedruckte Bücher und ohne Allergietabletten. Hm. Ich weiß nicht, ob es wirklich das ist, was ich mir von der Zukunft wünsche.

Mein Fazit? Spannende und gut geschriebene Texte zum Thema Klimaschutz, die zum Nachdenken anregen.

Samstag, 12. Juni 2021

Botschaften an mich selbst

 Autorin: Emilie Pine
Erschienen am 8.03.2021
Im btb Verlag
ISBN: 9783442758883
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Ein radikal aufrichtiges Debüt. Der Nummer-1-Bestseller aus Irland: Emilie Pine spricht wie niemand sonst darüber, was es heißt, im 21. Jahrhundert eine Frau zu sein. Es ist das Buch einer ganzen Generation. Ein Buch über Geburt und Tod, sexuelle Gewalt und Gewalt gegen sich selbst, weiblichen Schmerz, Trauer und Infertilität. Es ist ein Buch über den alkoholkranken Vater, über Tabus des weiblichen Körpers. Und es ist trotz allem ein Buch über Freude, Befriedigung und Glück – unbändig, mutig, und absolut außergewöhnlich erzählt."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Dieses Buch ist keine leichte Lektüre und nichts, das man einfach so zwischendurch lesen kann. Und trotzdem verlange ich, dass jede:r meiner Leser:innen dieses Buch sofort auch liest. 

Manchen Menschen fällt scheinbar alles in den Schoß. Die Autorin gehört definitiv nicht zu diesen Leuten. Ihre Eltern lebten getrennt - zu einer Zeit, in der Scheidungen in Irland rechtlich gesehen noch gar nicht möglich waren. Ihr Vater ist Alkoholiker. Die Jugend der Autorin ist schwierig, sie ertrinkt ihre Sorgen und Ängste in Alkohol, kommt auf die schiefe Bahn, probiert Drogen, fliegt von Schulen, erlebt sexuelle Gewalt. Als erwachsene Frau leidet sie unter ihrem unerfüllten Kinderwunsch. Das alles und noch viel mehr verarbeitet die Autorin in ihren Essays. Und auch wenn jedes einzelne Thema sehr ernst ist, wird der Ton der Texte nie hoffnungslos. Im Gegenteil: Die Autorin kämpft immer weiter und zeigt auf jeder Seite, wie stark sie ist. Sie bricht mit allen Erwartungen, die man an "ein Mädchen wie sie" wohl so hätte. Das fand ich beeindruckend.

Ich war überrascht, wie offen die Autorin mit "Tabuthemen" umgeht. Die Periode, Unfruchtbarkeit, sexuelle Gewalt, ... Klar, sie spricht die Tabuisierung auch an und erklärt, wie schwierig es auch für sie ist, über diese Themen zu sprechen. Aber hey: Sie hat ein ganzes Buch zu solchen Tabuthemen geschrieben. Ich glaube nicht, dass ich das könnte!

Ich habe nach jedem Essay eine Denkpause eingelegt und das würde ich auch euch empfehlen, wenn ihr dieses Buch lesen möchtet. Das hier ist keine leichte Lektüre und zumindest ich musste das Geschriebene einfach auch verdauen.

Mein Fazit? Große Leseempfehlung!

Donnerstag, 29. April 2021

Komplett Gänsehaut

 Autorin: Sophie Passmann
Erschienen am 4.3.2021
Im Kiepenheuer und Witsch Verlag
ISBN: 9783462053616
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Nach ihrem vieldiskutierten Bestseller »Alte, weiße Männer« entlarvt Sophie Passmann in ihrem neuen Werk den unerträglichen Habitus einer Bürgerlichkeit, durch die sie selbst geprägt wurde. Eine Passmannsche Suada at it’s best. Bloß nicht so werden, wie alle anderen um sich herum. Bloß nicht so werden, wie man schon längst ist. Bloß schnell erwachsen werden, um in die transzendentale Form des Verklärens eintauchen zu dürfen, die Jugend als »die beste Zeit des Lebens« zu feiern. Sophie Passmann teilt aus gegen alle, am verheerendsten aber gegen sich selbst und ihresgleichen. Zornig und böse, sanft und lustig zugleich zieht sie uns mit rein ins tiefe Tal der bürgerlichen Langeweile im westdeutschen Mittelstand. Sie geht vehement vor gegen die hedonistische Haltung einer wohlgemerkt nicht homogenen Generation, die ihr selbst nur allzu bekannt ist. Dies ist kein Memoir, kein Roman, keine Biographie, es ist: literarischer Selbsthass. Das finden Sie anmaßend? Genau das ist es und genau das will Sophie Passmann: sich anmaßen, das zu tun, was sie tun möchte. Komplett Gänsehaut einfach."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Passmann kenne ich schon von ihrem Buch "Alte Weiße Männer". Bei ihrem neuen Buch habe ich länger überlegt, ob ich es lesen soll. Immerhin hört sich das doch ganz anders an. Trotzdem habe ich es dann als Rezensionsexemplar angefragt und was soll ich sagen? Passmann hat mich nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil: Ich bin begeistert.

Mir fällt erst jetzt mit dem Schreiben der Rezension auf, wie schwierig dieses Buch einzuordnen ist. In welches Genre passt denn das bitte? Ist das ein Essay? Ein autobiographischer Text? Oder ein Roman? Oder eine Satire? Ich habe keine Ahnung. Ich wüsste es gerne, aber ich kann diesen Text einfach nicht zuordnen.

In diesem Text geht es um die Lebensphase, in der ich mich gerade befinde. Die Autorin teilt ordentlich aus: Es geht um langweilige Wohnungen, um die Viertel, in denen man wohnt oder eben nicht, um Weinverkostungen, um Beziehungen, um Partys, um Scheinheiligkeit und warum die Jugend gar nicht die beste Zeit des Lebens ist - es sei denn, sie ist schon vorbei. Besonders spannend fand ich (natürlich) die Abschnitte, in denen es um die Bücher ging, die die Protagonistin so im Regal stehen hat. Über weite Abschnitte fühlte ich mich vom Text einfach verstanden oder konnte zumindest nachvollziehen, warum Passmann schreibt was sie schreibt. Stellenweise brachte mich der Text sogar dazu, melancholisch in die Ferne zu blicken und zustimmend zu nicken. Da fehlte nur noch die Zigarette. Tja, da habe ich als Nichtraucherin wohl einen klaren Nachteil. Außerdem war das Wetter unpassend für Melancholie. Zu wenig Nebel und Nieselregen, zu viel Sonne.

An den Schreibstil musste ich mich erst gewöhnen. Passmann arbeitet mit langen Sätzen, die sich teils über ganze Seiten auf meinem Reader erstrecken. Ich betone deswegen, dass ich auf meinem Reader gelesen habe, weil ich da gerne die Schrift ein bisschen größer mache als sie es in einem gedruckten Buch wäre. Diese langen, verschachtelten Sätze waren zu Beginn schwierig. Später fand ich sie dann aber einfach passend und oft sogar schön.

Mein Fazit? Ich fand's toll! Ganz große Leseempfehlung.



Samstag, 13. Juni 2020

Periode ist politisch. Ein Manifest gegen das Menstruationstabu

Autorin: Franka Frei
Erschienen am 2.3.2020
Im Heyne Verlag
ISBN: 9783453272651
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag
Zur Autorin:
"Franka Frei, 1995 in Köln geboren und im österreichischen Salzburg aufgewachsen, wurde quasi aus Versehen zur Expertin auf einem Gebiet, das sie seitdem nicht mehr loslässt. Seit ihrem Bachelor-Abschluss im Fach Angewandte Medien und dem plötzlichen Viral-Gehen in den sozialen Medien ist sie Menstruationsaktivistin – ein Vollzeitjob, der selbst im hippen Berlin Fragezeichen in die Gesichter zeichnet. Wenn sie nicht gerade in der Gender Studies-Vorlesung an der Humboldt-Universität sitzt, hält Franka Frei Vorträge an Universitäten, Volkshochschulen und Festivals im In- und Ausland und tritt bei Science Slams auf."
Quelle: Verlag

Klappentext:
"Was haben eine deutsche Hausfrau, die dänische Kronprinzessin und eine indonesische Fabrikarbeiterin gemeinsam? Sie menstruieren. Zumindest potenziell, denn sie gehören zu jenem Teil der Weltbevölkerung, der einen Zyklus hat. Die sagenumwobene Menstruation, Periode, Erdbeerwoche oder der Besuch von Tante Rosa machen weder Halt vor Herkunft noch vor Religion oder Klasse. Die Menstruation ist eine faszinierende Körperfunktion, dennoch gilt sie häufig als Tabu, was weitreichende Konsequenzen für die Umwelt, Wirtschaft und Geschlechtergleichstellung hat. Also ab in die Tonne mit dem Tabu! Franka Frei zeigt, wie das Menstruationstabu großen Schaden anrichtet, und dass es höchste Zeit ist, etwas dagegen zu tun."
Quelle: Verlag

Meine Meinung: 
Ich liebe dieses Buch. Ohne wenn und aber. Und das Beste: Ich hatte das echt nicht erwartet, dass es mir so gut gefällt!

Die Regel, die Menstruation, die Periode - wie auch immer man sie nennen will - ist auch für mich ein Thema, über das ich nicht wirklich gerne und oft rede. Ich weiß auch nicht wirklich viel mehr darüber, als die biologischen Basics, die ich in der Schule beigebracht bekommen habe und der Tatsache, dass immer wieder Frauen in Menstruationshütten sterben. Aber was ist beispielsweise mit der Belastung, die Einwegmenstruationsprodukte für die Umwelt und für unseren Körper bedeuten? Ich hatte ja gar keine Ahnung! Auch wenn es im Nachhinein vielleicht etwas naiv ist, dass ich nie daran gedacht habe.

Frau Frei hat einen wirklich sehr spannenden Blick auf die Menstruation. Sie scheint wirklich überhaupt kein Problem damit zu haben, darüber zu schreiben und scheint es fast schon zu genießen. Das war für mich total faszinierend, eben weil ich das bisher so gar nicht kenne. Das war super erfrischend und hat irgendwie auch gut getan. Ich wünschte, ich hätte dieses Buch schon vor ein paar Jahren in die Hand bekommen! Ehrlich, das hätte mir so unglaublich geholfen! Liebe (Schul-)BibliothekarInnen, die ihr diese Rezension lest: Holt euch dieses Buch und stellt es in eure Regale!

Schön waren auch die vielen Praxisbeispiele, aus dem Leben unterschiedlichster Menschen in unterschiedlichsten Ländern. Wie geht es beispielsweise Menstruierenden in Indien? Wie sehen die Religionen die Periode? Und warum sind die Verteilaktionen von Always und o.b. in Afrika nicht wirklich hilfreich? Was wären da bessere Ansätze?

Der Schreibstil war super! Frau Frei schreibt sympathisch und mit viel Humor. Ich hab das Buch an nur einem Nachmittag durchgelesen. Besonders toll fand ich die regelmäßigen Verleihungen der rosaroten Erdbeeren an alle Leute, die mit ihren Aussagen oder Taten dafür gesorgt haben, dass die Menstruation als so negativ wahrgenommen wird, wie es heute eben der Fall ist. Da sind Politiker dabei, Firmen, religiöse Figuren und Anführer und so weiter und so weiter.

Mein Fazit? Absolut großartig! Ich liebe es! Dieses Buch gehört eindeutig schon jetzt zu meinen Jahreshighlights!


Freitag, 5. Juni 2020

Walden

Autor: Henry D. Thoreau
Erschienen am 13. April 2020
Im Manesse Verlag
ISBN: 9783717525080
Rezensionsexemplar: Nein

Quelle: Verlag
Zum Autoren:
"Henry David Thoreau (1817-1862) wurde in Concord, Massachusetts, geboren und arbeitete zunächst als Volksschullehrer. Mit "Walden" begründete er die Tradition amerikanischer Naturessayistik. Seine Schriften - darunter sein Werk "On Civil Disobedience" - hatten weltweiten Einfluss auf Bürgerrechts- und Umweltschutzbewegungen und inspirierten u.a. Tolstoi, Gandhi und Martin Luther King."
Quelle: Verlag

Klappentext:
"Ein Klassiker von enormer Brisanz: ein leidenschaftliches Plädoyer für Verantwortung, Selbstbestimmung und ein naturnahes, ressourcenschonendes Leben. Nirgendwo finden sich die besseren Argumente für Achtsamkeit und Nachhaltigkeit, Minimalismus und Vegetarismus.

Was ist im Leben wirklich von Bedeutung? Um dies herauszufinden, kehrte Henry David Thoreau vor über hundertfünfzig Jahren der Zivilisation den Rücken und zog hinaus in die Stille der Wälder. Am Walden-See in Concord, Massachusetts, verbrachte er zwei Jahre in einer selbst gebauten Holzhütte, um «zu sehen, ob ich nicht lernen könne, was es zu lernen gibt, damit mir in der Stunde des Todes die Entdeckung erspart bleibe, nicht gelebt zu haben». Der grandiose Selbsterfahrungsbericht «Walden» legt Zeugnis von seiner Suche ab: mit sensiblen, poetischen Naturbeschreibungen und dem glaubhaften Plädoyer für echte Naturverbundenheit und ein selbstbestimmtes Dasein. Längst ist dieses Buch zu einer Art grüner Bibel geworden, in der man die besten Argumente für Nachhaltigkeit, Ökologie, Vegetarismus und Minimalismus findet."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Dieses Buch habe ich für die Uni gelesen. Genauer: Für die Leseliste der Amerikanischen Literatur. Die ist, wie schon erwähnt, ziemlich lang, doch bisher war das einer Klassiker von dieser Liste, die mir die meiste Freude gemacht haben.

Die Freude an diesem Buch beginnt schon bei der Machart. Das Buch hat ein sehr kleines Format, sodass es problemlos in jede meiner Jackentaschen hat, was den Transport natürlich super einfach macht, selbst wenn es nur von einem Zimmer in ein anderes geht. Das Büchlein liegt gut in der Hand, hat ein ansprechendes Cover und ein grünes Lesebändchen, das sich aber leider ziemlich schnell aufgelöst hat, da ich natürlich immer damit rumspielen musste. Besonders überrascht hat mich, dass dieses Buch klimafreundlich sein soll. Doch auf der Rückseite steht "Klimaneutrales Druckprodukt" und "Manesse fördert mit dieser Ausgabe ein Waldschutz-Projekt in Brasilien". Sehr schön, dann brauch ich kein schlechtes Gewissen haben, dass ich ein Papierbuch statt einem eBook gekauft habe! Hoffen wir nur, dass das auch wirklich stimmt und kein schlechter Marketing-Trick ist.

Diesen Text finde ich überraschend aktuell. Es geht um den Rückzug des Autoren in eine einsame Hütte im Wald. Ja, diese Geschichte berichtet von realen Begebenheiten und nicht von irgendeinem Gedankenexperiment. Bei Thoreau handelt es sich nämlich um einen Autor, der wirklich so lebt, wie er es auch von anderen verlangt. Das hat ihn sogar ins Gefängnis gebracht, wovon er auch in diesem Buch berichtet - weil er sich geweigert hat, die Steuern zu bezahlen, da die für einen Krieg eingesetzt wurden, an den er nicht glaubte. Von ihm kommt der Begriff von "civil disobedience" her, der im Moment von einer von Österreichs Parteien als Argument gebracht wird, warum Anhänger keine Masken tragen sollen. Nun, wenn ihr meint. Blöd irgendwelchen Politikern nachzurennen und ohne zu Denken all das auszuführen, was die euch sagen oder etwas nicht zu tun, weil es minimal unbequem für euch ist, obwohl es Menschenleben retten könnte, ist zwar nicht ganz das, was Thoreau unter dem Begriff versteht, aber okay. Hört bitte wenigstens auf diesen Begriff zu verwenden! Dann muss ich euch auch nicht dauernd korrigieren!
Ein weiteres wichtiges Thema, das Thoreau hier behandelt, ist der Umweltschutz. Ja, das war auch schon bei ihm ein Problem! Stellenweise beschreibt er das auf eine Art, die mich total überraschte, wenn ich mir das Alter des Texts ins Gedächtnis rief. Das könnte heute genau so auch heute geschrieben und veröffentlicht werden und es würde immer noch zutreffen.

Thoreaus Philosophie ist sehr spannend, doch vor allem geht es hier in diesem Buch auch um seinen Alltag. Wieviel Geld gibt er während seiner Zeit im Wald aus? Was tut er den lieben langen Tag? Warum hat er sich dazu entschieden, vegetarisch zu leben? Und so weiter und so weiter.

Mein Fazit? Ein super spannender philosophischer Text, den ich euch mit gutem Gewissen weiterempfehlen kann!

Donnerstag, 26. März 2020

Der ewige Faschismus

Autor: Umberto Eco
Erschienen am 27.1.2020
Im Carl Hanser Verlag
ISBN: 9783446265769
Rezensionsexemplar: Nein

Quelle: Verlag
Zum Autoren:
"Der bekannteste zetgenössische Semiotiker: Umberto Eco, geboren am 5. Januar 1932 in Alessandria, Piemont, war ein italienischer Kolumnist, Philosoph, Medienwissenschaftler und Schriftsteller. Außerdem ist er der wohl bekannteste Semiotiker unserer Zeit. Er wuchs in der Provinzhauptstadt Alessandria auf. Die Umgebung und das damalige Regime des italienischen Faschismus prägten ihn und seine Werke stark.
1948 begann er ein Studium der Philosophie und Literaturgeschichte an der Universität Turin. Nach seinem Abschluss 1954 ging er dann zum italienischen Fernsehen (RAI) in Mailand, wo er ein Kulturprogramm ausbaute. Sein Debüt als Autor gab er 1956 mit einer erweiterten Fassung seiner Dissertation. Kurze Zeit später gab er seine Anstellung beim Fernsehen auf, um Sachbuchlektor im Bompiani Verlag zu werden. Zu dieser Zeit war er auch in diversen literarischen Bewegungen aktiv.
Mit seinem 1962 veröffentlichten Buch „Das offene Kunstwerk“ wurde er weltweit als berühmter Kulturtheoretiker bekannt. Dieser Erfolg verhalf ihm zu diversen Dozentenstellen in renommierten Universitäten wie in Mailand, Florenz und schließlich in Bologna. Sein Buch „Einführung in die Semiotik“, das er währenddessen veröffentlichte, gilt bis heute als internationales Standardwerk. Mit seinem 1980 erschienenen ersten Roman „Der Name der Rose“ machte er sich weltweit einen Namen als Romancier. Dieser blieb zu seinen Lebenszeiten als das bekannteste Werk des berühmten Autors.
 Eco wurde seitdem mit zahlreichen Ehrungen und Preisen ausgezeichnet. So bekam er unter anderem von über 39 Universitäten weltweit die Ehrendoktorwürde verliehen, wurde als Mitglied in den Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste aufgenommen und wurde sogar mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Umberto Eco starb am 19. Februar 2016 in Mailand an den Folgen einer Krebserkrankung."
Quelle: lovelybooks.de

Klappentext:
"„Eco zeigt, was für ein riesiger Fehler es ist, Faschismus als ausschließlich historisches Phänomen zu begreifen.“ Roberto Saviano zum Buch

Faschismus und Totalitarismus, Integration und Intoleranz, Migration und Europa, Identität, das Eigene und das Fremde – die zentralen Begriffe in Umberto Ecos fünf Essays könnten kaum aktueller sein. Gerade in ihrer zeitlichen Distanz zeigt sich die Stärke von Ecos Gedanken: Losgelöst vom tagesaktuellen Geschehen, scheinen in ihnen die überzeitlichen Strukturen auf, die unserem Denken und Handeln zugrunde liegen. Präzise, wortgewandt und gespickt mit persönlichen Erinnerungen rufen seine Texte die komplexe Geschichte der Herausforderungen wach, vor denen wir heute stehen."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Ich wünschte, ich könnte in dieser Rezension irgendwas über ein historisches Phänomen quatschen, das uns alle nichts mehr angeht, da es schon weit in der Vergangenheit liegt und eigentlich keinen mehr so richtig interessiert. Doch so ist das leider nicht, wie wir wohl hoffentlich alle wissen. Daher hab ich beschlossen, wiedermal was zum Thema zu lesen. Zeit hab ich ja im Moment genug und dieses Buch ist eh so kurz. Das sind ja bloß 80 Seiten oder so!

Dieses Büchlein besteht aus fünf Essays von Umberto Eco, die sich aus verschiedenen Blickwinkeln mit dem Thema "Faschismus" beschäftigen. Eco rattert da aber nicht einfach die Fakten runter und wirkt auch nicht wirklich belehrend. Er lässt den Leser eher an seiner persönlichen Perspektive teilhaben. Wie hat er beispielsweise den Faschismus in seiner Kindheit wahrgenommen? Was war eine der größten Veränderungen, die er in der Zeit danach wahrgenommen hat? Und was hat er aus seiner Vergangenheit mitgenommen?

Ein Ding, das mir sofort aufgefallen ist, ist, dass sich seine Definition von Faschismus schon viel früher anfängt, als bei vielen anderen. Ihm geht es wirklich auch schon um die ersten Anzeichen von Faschismus und die zeigt er auch so auf, dass mir sofort haufenweise Beispiele dafür eingefallen sind. Das fand ich einen spannenden Ansatz, denn wenn man über Faschismus spricht, bekommt man gerade im Internet oft gesagt, dass das "ja noch gar kein Faschismus ist". Denn anscheinend ist Faschismus ja erst dann wirklich da, wenn wir schon in einer Diktatur stecken. Biiiep! Falsch! Eco zeigt genau auf, wie sich Faschismus langsam und unbemerkt in unser Leben einschleicht und dort ziemlich gut wachsen kann, wenn man ihn nicht sofort vernichtet.

Für alle, die sich schon immer mal über Faschismus informieren wollten, aber Angst haben, dass dieses Buch doch noch zu trocken oder zu schwer für sie ist: Nein, ist es nicht. Eco hat einen unglaublich angenehmen Schreibstil, bei dem selbst Politik total spannend scheint. (Ist sie ja zumindest meiner Meinung nach auch, doch ich stimme euch zu, wenn ihr sagt, dass viele Texte einfach total fad sind.)

Mein Fazit also? Super tolles Büchlein, das auch als schnelle Lektüre zwischendurch geeignet ist.