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Dienstag, 4. Februar 2025

Unlearn CO2 [Kurzrezension]

 

Quelle: Verlag

Dieses Buch habe ich mal wieder aus der Arbeit mitgenommen. Und nein, meinen Buchkauf-Bann habe ich damit nicht gebrochen. Erstens, weil ich das Buch ja nicht gekauft habe. Zweitens, weil dieses Buch schon 2024 bei mir daheim gelandet ist. Und heute geht die Rezension endlich online - an einem Tag, an dem Tempo 150 auf den Österreichischen Autobahnen diskutiert wurde. So, und jetzt wird's politisch - wer das nicht will, sollte JETZT zu einem anderen Post klicken. Für alle anderen: Hoffen wir mal, dass das nicht durchgesetzt wurde, denn WAS ZUR HÖLLE? WARUM??? Welchen Vorteil würde mir das in meinem Alltag bieten? Einmal Asthma to go? Noch mehr Vollkoffer, die von ihren eigenen Rasereien so gestresst sind, dass sie mich anhupen, wenn ich ganz normal über einen Zebrastreifen spaziere? Aber ich denke, solche Aktionen sollten uns nicht überraschen. Wird in Zukunft sicher öfter passieren. Das passiert, wenn man Parteien wählt, die den Klimawandel immer noch leugnen. Danke an die Leute, die dafür gesorgt haben, dass vor allem eine dieser Parteien in Österreich aktuell die stimmenstärkste ist. Ich hoffe, dass niemand von euch das je hier lesen wird, weil ich euch schon vor Jahren mit meinem links-grünen-Getue vergrausigt habe. Und an alle, die sich jetzt unwohl fühlen: Gut so. Ich bin heute nicht online gegangen, um gute Stimmung zu verbreiten. In unserer Welt läuft aktuell verdammt viel falsch und ja, ich weiß, dass ich als Einzelperson und auf einem Buchblog nur wenig tun kann. Aber ich kann meine Buchauswahl entsprechend anpassen und genau das tue ich gerade. Und ich kann in meinen Posts auf Themen aufmerksam machen, die mich stören. Populistische, dumme Entscheidungen oder Gedankenspiele, die auf keinerlei wissenschaftlichen Grundlage beruhen, gehören zu diesen Themen.

Nach „Unlearn Patriarchy“ und „UnlearnPatriarchy 2“ ist „Unlearn CO2“ der dritte Teil der Unlearn-Reihe. Während sich die ersten beiden Bücher mit dem Patriarchat und mit Feminismus beschäftigen, handelt dieses hier von der Klimakatastrophe. Expert*innen aus verschiedenen Fachbereichen wurden dazu eingeladen, aus dieser Perspektive über den Klimawandel zu schreiben. So finden sich hier neben den klassischen Kapiteln über die Verkehrswende und über Ernährung auch Kapitel über Mode oder Behinderung, aber auch der Erfahrungsbericht eines Mannes, der sich aus ausrangierten eBike-Akkus eine Photovoltaik-Anlage auf dem Balkon und einen Akku für den erzeugten Strom gebaut hat. Dieses Kapitel habe ich direkt für ein Familienmitglied markiert, den das ganz sicher begeistern wird. Alle der Kapitel laden dazu ein, den persönlichen Alltag und eigene Denkmuster kritisch zu hinterfragen. Und klar werden die meisten von uns nicht damit beginnen, Fahrrad-Akkus auseinanderzunehmen - aber was ist mit unserer Ernährung? Unserer Alltagsmobilität? Unsere Wahlentscheidungen, da wir mit individuellen Entscheidungen alleine keine Klimawende herbeiführen können?

Die hier verwendete Sprache ist verständlich, ein bereits vorhandenes, grundlegendes Hintergrundwissen ist trotzdem hilfreich. Zumindest fand ich das, die ja bereits zumindest ein bisschen Wissen zum Thema mitbringt. Klimawissenschaftlerin muss man aber trotzdem nicht sein - sage ich als jemand, der garantiert nichts mit Naturwissenschaften studiert hat. Dieses Buch bietet Denkanstöße in den verschiedenen Bereichen und auch in Feldern, die man im ersten Moment nicht unbedingt mit dem Kampf gegen den Klimawandel in Verbindung bringen würde. Ich habe zum Beispiel davor nie wirklich über das Thema Mode in diesem Zusammenhang nachgedacht. Ich gehe nicht gerne shoppen, egal ob online oder vor Ort, und trage daher eh alles, bis es kaputt ist. Und klar habe ich mitbekommen, dass das viele Leute nicht so machen - aber dass es so schlimm ist? Ich bin nach dem Lesen selbst ein bisschen in ein Rabbit-Hole eingetaucht und war schockiert, wie viele Hauls von Online-Billigst-Händlern ich gefunden habe, in denen Menschen kiloweise neue Kleidung präsentieren. Leute, das braucht ihr doch alles nicht! Wozu? Um online ein paar Likes zu bekommen? Durch diese Themenvielfalt schaffen es die Expert:innen, auch Verbindungen mit dem Alltag herzustellen und ich bin mir sicher, dass dieses Buch das Potential hat, ein breites Publikum anzusprechen.

Besonders glücklich macht mich, dass es dieses Buch schafft, die Notwendigkeit struktureller und gesamtgesellschaftlicher Änderungen aufzuzeigen. Wenn alle von uns weniger mit dem Auto fahren, weniger oder gar kein Fleisch mehr essen und im Sommer vielleicht mit dem Zug nach Italien statt mit dem Flugzeug nach Mallorca reisen, dann ist das natürlich toll. Aber solange das reichste 1 % der Bevölkerung so viel CO2 produziert wie die ärmsten 60 %, wird das nicht reichen. Ich wünschte es wäre anders.

Mein Fazit? Ein Buch, das zum Handeln auffordert. Kann ich euch empfehlen!

Freitag, 20. Dezember 2024

Die Wut, die bleibt [Kurzrezension]

 

Quelle: Verlag

Man findet nicht jeden Tag ein Buch, das einen Politiker zum Rücktritt bewegt. Doch dieses hier hat das tatsächlich geschafft. Kein Scherz: Darüber hat zum Beispiel der Standard berichtet. Und das nicht wegen einem dadurch ausgelösten Shitstorm, sondern weil er dadurch seine Rolle als Vater reflektiert hat. Dieses Buch hat ihn dazu gebracht, über Care Arbeit nachzudenken. Ich denke, uns ist allen klar, dass ich nach dieser Nachricht auf der Stelle das Hörbuch runtergeladen habe. Wenn ein Buch sowas schafft, muss ich es einfach lesen!

Dieser Roman beginnt mit einer schockierenden Szene: Helene springt vom Balkon. Ohne Vorwarnung, ohne Abschied. In der einen Sekunde isst die Familie noch ganz normal zu Abend, in der nächsten ist die Mutter tot, verstorben an Suizid. Zurück bleibt eine Familie, die jetzt irgendwie mit diesem traumatischen Erlebnis und Verlust zurechtkommen muss. Da ist der Vater, Lola, die älteste Tochter, zwei Söhne und die beste Freundin der Mutter, die jetzt die Care Arbeit übernimmt. Nur vorübergehend natürlich, bis der Vater alles klären konnte. Und ja, eventuell habe ich direkt nach dem Lesen schon wieder alle Namen vergessen. Ups! War viel los hier in den letzten Wochen.

Die Geschichte wühlte mich sehr auf uns war deswegen für mich nur in sehr kleinen Dosen erträglich. Mehr als eine halbe Stunde pro Tag schaffte ich nicht. Alle Figuren erleben hier sehr viel leid und der Ehemann ist einfach so unglaublich nutzlos, dass sein Auftreten bei mir Herzrasen verursachte. Ja, auch er macht eine schwierige Zeit durch. Ja, auch er trauert. Aber das tun alle in diesem Buch. Und die Handlung zieht sich über ein ganzes Jahr. Und während der ganzen Handlung kommt er nicht einmal von selbst auf die Idee, irgendeinen Anteil der Care Arbeit zu übernehmen. Ich weiß, dass es solche Männer leider bis heute wirklich gibt, aber uff! Der Typ hat mich einfach unglaublich aufgeregt und ich wäre nicht nur einmal gerne ins Buch gesprungen, um ihn mal ordentlich zu schütteln.

In der zweiten Hälfte der Handlung dürft ihr euch auf viel Gewalt im Namen der Gerechtigkeit einstellen. Das hätte ich nicht unbedingt lesen müssen, denn es hat die auch so schon dichte und emotional anspruchsvolle Geschichte für mich fast unerträglich gemacht. Ich habe deswegen auch zwischendurch überlegt, ob ich nicht abbrechen soll. Eine Entwicklung in diese Richtung habe ich nicht erwartet, deswegen war mir das fast zu viel.

Ein schönes Goodie für mich war, dass die gesamte Handlung in Salzburg angesiedelt ist. Inzwischen kenne ich mich dort ja schon ziemlich gut aus und habe mich darüber gefreut, viele Orte wiederzuerkennen.

Mein Fazit? Die Autorin beherrscht ihr Handwerk und schaffte es zumindest bei mir, ordentliche Emotionen hervorzurufen.

Sonntag, 1. September 2024

Musterbruch. Überraschende Lösungen für wirkliche Gleichberechtigung

Autorin: Patricia Cammarata
Erschienen am 7.2.2024
Im Beltz Verlag
ISBN: 9783407867766
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag


Klappentext:
"Wer heute gleichberechtigt leben will, kann nicht auf die Politik von morgen warten, sondern muss selbst handeln. Doch wie macht man das, aus eingefahrenen Geschlechtermustern in Partnerschaft, Sorge- und Erwerbsarbeit ausbrechen? Die Autorin des SPIEGEL-Bestsellers »Raus aus der Mental Load Falle« und Diplompsychologin Patricia Cammarata gibt Bereitwilligen den sprichwörtlichen Vorschlaghammer in die Hand, um trotz eines nervig unbeweglichen Systems neue Wege zu ebnen. Alltagstaugliche Ideen vermitteln, wie man z.B. Verbündete findet, hartnäckige Stereotype entlarvt, Haushaltsaufgaben gerecht verteilt, richtig kommuniziert, gleich wenig arbeitet und gegen den Strich denkt. Es ist höchste Zeit, dass der Musterbruch nicht nur im Kopf, sondern endlich auch im Alltag stattfindet."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Meiner Rezension voran: Ich bin nur teilweise die Zielgruppe für dieses Buch. Zwar möchte ich früher oder später Familie, aber aktuell habe ich weder einen Partner, noch ein Kind. Das "teilweise" kommt also eigentlich nur daher, dass ich mir das für die Zukunft wünsche. Lesen wollte ich dieses Buch trotzdem - vor allem, weil mir nicht klar war, dass hier der Fokus auf dem Zusammenleben (in diesem Buch genauso wie in vielen anderen Büchern zum Thema meist zwischen Mann und Frau) in einer Partnerschaft liegt. 

Ich dachte, dass die Themen weiter gefächert sind, denn Verbündete kann man sich ja auch im Arbeitsleben suchen, Stereotypen begegne ich auch im Amt und richtige Kommunikation ist in jeder Art von Beziehung wichtig, und nicht nur in romantischen Beziehungen. Dass es hier tatsächlich um Care-Arbeit geht, wurde mir erst beim Lesen klar. Im Nachhinein lässt sich das jetzt irgendwie im Klappentext erkennen, aber vorher war das für mich nicht sichtbar. Und bitte versteht mich nicht falsch: Dieses Thema ist super wichtig! Für jede Person, nicht nur für Frauen. Wir alle sollten wissen, dass Care-Arbeit harte Arbeit ist und der Mental Load meist auf Frauen abgeladen wird. Aber ein Buch, das sich nur mit diesem Thema beschäftigt, hätte ich wohl nicht einfach so in die Hand genommen. 

Trotzdem war dieses Buch dann aber über weite Teile spannend für mich. Die Autorin hat es sich hier zur Aufgabe gemacht, verschiedene konkrete Handlungsideen vorzustellen, wie Gleichberechtigung in der Partnerschaft und im Familienleben gelingen kann. Dabei überzeugt sie mit Daten und Fakten, bietet Material zum Weiterlesen auf ihrer Website an und flicht geschickt auch Erlebnisse aus dem Alltag ihrer eigenen Familie ein. All das war für mich überraschend interessant. Gut finde ich auch die kurzen Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels - und die literarische Anspielung, die mich hier immer erwartete (So heißt dieser Kapitelabschnitt "des Pudels Kern").

Kritisieren möchte ich aber, dass an einer Stelle Daten mithilfe einer Instagram-Umfrage ermittelt wurden. Zwar betont die Autorin, dass diese Umfrage nicht repräsentativ ist, aber trotzdem stellten sich da bei mir die Haare auf. Denn wie die Autorin schon sagt: Das ist nicht repräsentativ. Ich verstehe, dass es zu diesem Thema noch keine Daten gab, trotzdem muss ich diese Art der Datenerhebung nicht unbedingt in einem Sachbuch sehen. 

Mein Fazit? Ganz interessant, aber auch nicht mehr. Schade.

Freitag, 7. Juni 2024

Bible Bad Ass

 Autorin: Edith Löhle
Erschienen am 4.3.2024
Im Leykam Verlag
ISBN: 9783701183227
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Klara hat die Schnauze voll. Ihre Arbeit als Redakteurin eines sogenannten Frauenmagazins, der allgegenwärtige Sexismus des Chefredakteurs, die Erwartungen ihres Boyfriends und die miserable Situation von Frauen überall auf der Welt bringen sie an den Rand eines feministischen Burn-Outs. Als sie den Auftrag bekommt, eine Story über eine motorradfahrende Pastorin zu schreiben, führt die Recherche sie zu biblischen Frauenfiguren, von denen sie noch nie gehört hat. Wie sehr es doch mit den herrschenden Geschlechterverhältnissen zu tun hat, wie Geschichten von Frauen erzählt und überliefert werden! Während Klara die Story aufschreibt, melden sich immer mehr unbekannte Nummern auf ihrem Smartphone, die sie zu einer Gruppe namens »Bible Bad Ass« einladen. Sie nennen sich Magdalena, Maria, Ruth, Lilith, … – was, zur Hölle, ist hier los? 

Bible Bad Ass ist eine Abrechnung mit den Lügen der Kirchenväter und der Anfang einer Vertöchterung. Ein hartes, smartes und durch und durch popkulturelles Debüt."
Quelle: Verlag

Mein Kommentar:
Man wird es kaum glauben: Ich bin immer noch Teil der katholischen Kirche, trotz der vielen Kritik, die ich nicht nur hier äußere. Der Grund dafür ist größtenteils, dass ich eine katholische Schule besucht habe und dort eine wunderschöne Art kennenlernen durfte, Glauben zu leben. Und auch, wenn man mich bis heute nur zu besonderen Anlässen in der Kirche sieht und ich keine Möglichkeit auslasse, Religion und vor allem die mächtigen Personen wie den Papst zu kritisieren, bin ich trotzdem noch immer Teil dieser Religion. Auch, wenn mich jede queerfeindliche oder sexistische Aussage des Papstes einen Schritt näher an den Austritt bringt. Vielleicht komme ich in die Hölle dafür, aber dieser Typ ist sowas von vorgestrig und sollte einfach keinerlei Macht haben dürfen. 
Und gerade weil die katholische Kirche in vielen Fällen immer noch unglaublich sexistisch und queerfeindlich ist, finde ich es wichtig, sich über Gegenentwürfe zu informieren. Und da gibt es wirklich viele tolle Projekte und Initiativen, die sich zum Beispiel für mehr Recht der LGBTQIA+-Community im katholischen Glauben einsetzen, für eine Aufhebung des Zölibats oder auch dafür, dass Frauen endlich als gleichwertig angesehen werden und nicht mehr rein auf ihre Gebärmutter reduziert werden. Also war ich natürlich auch auf dieses Buch sehr gespannt.

Aber nein. Das hat hier nicht unbedingt funktioniert. Leider, denn ich hätte mir das sehr gewünscht. Und dabei geht dieses Buch wirklich gut los! Klara flippt gegenüber ihres sexistischen Chefs endgültig aus, weil er ihren Artikel über eine queere und feministische Priesterin bis zur Unkenntlichkeit verändert hat. Sie wird zwangsbeurlaubt - und während dieses Zwangsurlaubs in eine seltsame Whatsapp-Gruppe eingeladen, die sich "Bible Bad Ass" nennt. Und hier lernen wir gemeinsam mit Klara die wichtigen Frauen der Bibel kennen. Und das könnte super interessant sein! Immerhin kennt die Bibel überraschenderweise doch relativ viele starke Frauengestalten, auch wenn diese durch verschiedene Übersetzungen und Überlieferungen teils bis zur Unkenntlichkeit verändert wurden. Oder habt ihr zum Beispiel gewusst, dass Maria ursprünglich eine junge Frau war und keine Jungfrau? Nein? Tja, wundert mich nicht wirklich, denn um sowas rauszufinden, muss man doch literaturwissenschaftliche Vorlesungen besuchen, zumindest meiner Erfahrung nach. Also hatte ich gehofft, durch den Bibelchat noch mehr über solche Fehler und Verunstaltungen zu erfahren.

Das hat sich aber nicht erfüllt. Stattdessen triftete der Chat sehr schnell ins Esoterische ab und war voll mit Kalendersprüchen (die im Buch auch selbst so genannt werden), die mich irgendwann nur noch die Augen verdrehen ließen. Es wirkte fast so, als wäre es hier das Ziel gewesen, so viele zitierfähige Sätze wie möglich zu schaffen - dabei schien aber der Rest des Buches eher vernachlässigt worden zu sein. So gibt es sehr schnell keine wirkliche Story mehr, abgesehen eben vom Bibelchat. Außerdem wurden dann gerade gegen Ende des Buches einige wirklich ungesunde Glaubenssätze verbreitet, die so einfach nicht unkommentiert stehen gelassen werden sollten. 
Zum Beispiel wird dann Klaras Umfeld als fast schon antagonistisch dargestellt. Und wisst ihr warum? Weil sie sich Sorgen machen und ein ernstes Gespräch mit Klara führen wollen. Was echt gerechtfertigt ist, denn Klara befindet sich in einer Lebenskrise und beginnt plötzlich, ein unglaubliches Interesse für Religion zu zeigen, obwohl sie sich früher nie dafür interessiert hat. In so einer Situation ist es eigentlich sogar sehr gut, dass Klaras Umfeld hier kritisch reagiert. Und der Ratschlag des Bibelchats, sich von diesen Menschen zu distanzieren, weil sie Klaras Glauben schwächen könnten und selbst noch nicht bereit dafür sind ... nun ja, wisst ihr, wer solche Ratschläge normalerweise gibt? SEKTEN! Klara verhält sich, als wäre sie plötzlich Teil einer verdammten Sekte, bricht Kontakt zu anderen ab, und fühlt sich in ihrem neu gefundenen Glauben um so vieles besser und intelligenter als andere Menschen in ihrem Umfeld.

Was mich auch sehr gestört hat, war die Lösung von Klaras Problem. Ich weiß, dass das (eben unter anderem wegen Religion) in unserer Gesellschaft anders verkauft wird, aber: weibliche Wut ist nicht das Problem. Weibliche Wut (und nichtbinäre und oft auch Wut im Generellen) kann unglaublich produktiv sein, ist aber meistens zumindest ein Signal, dass etwas an einer Situation nicht richtig ist. Einem wütenden Menschen zu empfehlen, dass er/sie/they nicht wütend sein solle und diese Wut zu moralisieren, ist nicht in Ordnung - genau das passiert hier aber zwischen den Zeilen. Statt mit Wut solle man mit Liebe reagieren. Tja ... sagt ein Buch über eine Religion, deren Gottessohn mal aus Wut einen Tempel auseinandergelegt hat.

Auch fand ich diese übertriebene und oft sehr skurrile Verherrlichung des weiblichen Körpers hier unangenehm. Ich will gar nicht wissen, wie oft es hier zu Wortneuschöpfungen mit den Worten "Vulva" (okay) und "Muschi" (ich hasse dieses Wort, warum wird das hier für Neologismen verwendet?!) kam. Klara hörte eine Millionen mal in ihren Schoß hinein. Ach, und scheinbar sind wir alle selbst schuld an unseren Regelschmerzen. Denn diese entstehen dadurch, dass wir nicht genug Kontakt mit unserer Weiblichkeit haben und kollektives Trauma mit uns herumtragen. Darüber konnte ich wirklich nur noch den Kopf schütteln. Ja, kollektives und vererbtes Trauma existiert und das haben wohl die meisten von uns. Aber so Menschen mit Menstruation für ihre Schmerzen verantwortlich zu machen? Nope, geht gar nicht!

Durch diesen übermäßigen Fokus auf das Individuelle, auf die Gefühlsebene und die Verteufelung von Kritik verliert dieses Buch leider auch etwas wirklich wichtiges aus den Augen: Die katholische Kirche ist bei weitem nicht perfekt. Da sind ein großer Haufen Änderungen nötig und ich glaube nicht, dass die sich einfach ergeben werden. Die werden nicht einfach von selbst auftauchen, nur weil wir fest genug an die Bibel und an göttliche Kräfte geglaubt haben. Dafür müssen wir arbeiten. Wir müssen Kritik üben, müssen wütend sein, neue Thesen an Kirchentüren annageln. Nur durch brav sein, wird sich nichts verändern. Und auch Bücher wie dieses tragen nicht unbedingt zu einer Revolution bei.

Freitag, 10. Mai 2024

Unlearn Patriarchy 2 [Hörbuch]

Autor:innen: Ireti Amojo, Melina Borčak, Yassamin-Sophia Boussaoud, Miriam Davoudvandi, Anne Dittmann, Karin Hartmann, Asha Hedayati, Mandy Mangler, Rebecca Maskos, Saboura Naqshband, Gonza Ngoumou, Nicole Seifert, Sarah Vecera und Alexandra Zykunov
Gesprochen von Maya Alban-Zapata
Erschienen am 20.3.2024
Im Hörbuch Hamburg Verlag
ISBN: 9783844938265
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Der Bestseller »Unlearn Patriarchy« hat unglaublich viele Menschen inspiriert. Für den Folgeband der feministischen Anthologie versammeln die Herausgeberinnen und Bestsellerautorinnen Emilia Roig und Alexandra Zykunov zusammen mit Silvie Horch weitere prominente Autor*innen und Aktivist*innen, um den so hartnäckigen patriarchalischen Prägungen unserer Gesellschaft nachzuspüren, und Möglichkeiten, diese endlich und ganz konkret zu verlernen.

Von »Klasse« über »Medizin« bis »Erziehung« oder »Recht« – in 13 ehrlichen und radikalen Essays beleuchten die Beitragenden die krassen Auswirkungen des Patriarchats auf unser aller Leben. Sie berichten von ihrem eigenen Weg hin in eine diskriminierungsfreie Gesellschaft und geben Impulse, wie wir internalisierte Muster erkennen und aufgeben können. Ein Muss für alle, die mit der andauernden Ungleichheit zwischen Frau und Mann, weiß und Schwarz, hetero und queer, arm und reich sowie den zugrunde liegenden Strukturen nicht einverstanden sind."
Quelle: Verlag

Meine Meinung: 
Dieses Hörbuch versammelt unterschiedlichste Beiträge zu verschiedenen Themen des intersektionalen Feminismus. Was bedeutet intersektional? Nun, ganz vereinfacht gesagt: Ich habe als weiße Frau mit vielen Privilegien mit ganz anderen Problemen zu kämpfen als eine POC-Frau, die in einem Flüchtlingslager lebt. Wir beide haben die Gemeinsamkeit, dass wir wegen unserer Weiblichkeit benachteiligt werden. Doch durch meine Privilegien sieht diese Benachteiligung anders aus. Während die fremde Frau vielleicht rassistische Angriffe ertragen muss, bekomme ich höchstens kleinere Aggressionen wegen meinem Namen ab. Während der fremden Frau als Frau und POC einige wirklich grausige Stereotype zugeschrieben werden (wie zum Beispiel das Klischee der "angry black woman" oder auch die Sexualisierung und Exotisierung von POC-Frauen), bleibe ich davon verschont. Seht ihr was ich meine? Falls es euch noch nicht ganz klar ist: Offensichtlich habt ihr Internetzugriff. Ich traue euch zu, dass ihr bessere Beispiele online findet.

Doch worum geht es in diesem Hörbuch nun wirklich? Nun, um fast alles. Es gibt hier Beiträge zum Thema Sport, zur Gender Pay Gap, über Literatur, über Krieg und so weiter und so weiter. Es gibt hier für sicher jedes Interesse den passenden Beitrag - und falls nicht, wird man sicher in Teil 1 fündig. Vermute ich zumindest mal. Den habe ich nämlich bisher nicht gehört. Das habe ich aber für die Zukunft fix eingeplant. Geschrieben wurden die Beiträge von super intelligenten Personen, die eindeutig Expert:innen für ihr jeweiliges Fach sind.

Dieses Hörbuch machte zumindest mich sehr wütend. Ich finde es schrecklich, dass wir das Jahr 2024 schreiben und intersektionaler Feminismus immer noch notwendig ist. Ich hasse es, zu wissen, dass ich als Frau nicht die gleichen Chancen habe, wie ein Mann sie hätte - wegen meiner Erziehung, der Rolle, die die Gesellschaft von mir erwartet, und den Möglichkeiten, die mir deswegen angeboten werden. Und ich bin wütend, dass mir trotz meiner Bildung und meines Vorwissens trotzdem nicht alle der hier beschriebenen Probleme bewusst waren. Ich habe hier nochmal viel Neues gelernt - was bei populärwissenschaftlichen Büchern über Feminismus leider nicht mehr oft der Fall ist. 

Mein Fazit? Ein Buch mit wirklich großartigen Beiträgen unterschiedlicher Autor:innen. Auf jeden Fall empfehlenswert!

Dienstag, 30. April 2024

Männer töten

 Autorin: Eva Reisinger
Erschienen am 14.8.2024
Im Leykam Verlag
ISBN: 9783701182978
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
»Wer ist Opfer, wer Täter*in?«

Rasant erzählte Utopie eines wehrhaften Feminismus.

Anna Maria lebt ein typisches Großstadtleben: Sie arbeitet in einer hippen Firma, geht am Wochenende mit ihren Freundinnen feiern und hat eine komplizierte Ex-Beziehung. Bis sie Hannes an der Bar eines Nachtclubs kennenlernt. Er ist aus Engelhartskirchen, einem oberösterreichischen Dorf, von dem sie bis dahin noch nie gehört hat. Und ganz sicher rechnet sie nicht damit, eines Morgens mit Hannes in diesem Nest aufzuwachen. Als es doch passiert, lassen die Klischees zunächst grüßen: Kühe, Knödel, Kirchturmglocken. Dann aber bemerkt Anna Maria, dass nicht alles ins Bild passen will. Warum gibt es eine Pfarrerin, obwohl das Dorf katholisch ist? Wie kommt es, dass die Frauen hier viel lauter feiern als anderswo? Wo sind die Männer hin? Und was hat das alles mit Kathrin Glock zu tun?

Eva Reisinger erzählt eine skandalöse Geschichte über Macht, Freundinnenschaft und weiblichen Zusammenhalt in einem ungewöhnlichen Setting. Eine Tour de Force durch dringliche Themen der Gegenwart, voller popkultureller Poesie.

Meine Meinung:
Wisst ihr, was ich hasse? Wenn ein Buch fast allen Leuten in meiner Umgebung gefällt und ich die einzige bin, die damit so gar nichts anfangen kann.

Ein großes Problem hatte ich persönlich leider mit dem Stil. Es gibt hier sehr viele Beschreibungen - aber leider wird dabei kaum das Innenleben der Protagonistin beleuchtet. Sie wirkte auf mich leider bis zum Schluss sehr distanziert zu allem und das finde ich schade - gerade, wenn man sich ansieht, was hier so passiert. Da wär Potential für unglaublich spannende innere Konflikte da, ich habe davon aber leider nicht viel gemerkt. So blieben dann leider auch ihre Motive nur wage. Und das ist schade, denn Anna Maria und ihre Freundinnen stellen hier einige sehr illegale Dinge an, die ich nicht vertiefen werde, weil Spoiler. Doch statt mehr über Anna Marias Innenleben zu erfahren, schien hier der Fokus eher auf den Partys von ihr und ihren Freundinnen zu liegen. Wie gesagt: Da wurde meiner Meinung nach leider eine große Chance verpasst.

Auch blieben die Beschreibungen der Umgebung und der Figuren leider sehr im Klischee stecken. Kann man mögen - ich tue es nicht. Ich bin Tirolerin - mit muhenden Kühen, weiten Feldern und Erklärungen, dass der Dialekt in Oberösterreich so schwer zu verstehen sei, kriegt ihr mich nicht. Damit bin ich aufgewachsen. Das ist für mich normal. Und: Ich bekomme Augenzucken, wenn ich daran denke, mit welchen Dialektworten die Protagonistin hier ach so große Probleme hatte. Die sind wirklich zahm: "Ötan" statt "Eltern". Ob es wirklich genauso geschrieben wurde, weiß ich leider nicht mehr. So wirkte die Protagonistin leider einfach dumm, zumindest meiner Meinung nach. So, als könnte sie minimale Abänderungen von der Standardsprache nicht mehr verstehen. Wenn sie mit dem Beispielwort, das hier genannt wurde, schon Probleme hat, dann sollte sie auch nuschelnde und lispelnde Menschen nicht verstehen können. Der dargestellte Dialekt ist hier wirklich zahm. Ich würde es verstehen, wenn Anna Maria Probleme mit dem Unterschied von "aui" und "oi" hätte oder nicht wüsste, was denn "Fackalar" sind. Oder was "potschad" bedeutet oder "wompat" oder "Bissgurn" oder "Schlampetatsch". Ihr seht, worauf ich hinaus will? Und nein, die Bedeutung dieser Worte bekommt ihr nicht mitgeliefert. Die verschiedenen Tiroler Dialekte sind toll, bieten viele spannende Worte und Redewendungen und wenn ihr diese Worte nicht kennt, habt ihr was verpasst. Viel Spaß beim Googeln!

Auch sehe ich hier leider kein Matriarchat, keine Utopie und keinen Feminismus. In der Realität ermorden Männer Frauen - aber meiner Meinung nach reicht es nicht, den Spieß umzudrehen, um ein Werk feministisch zu machen. Und selbst wenn das reichen würde und das wirklich ein Matriarchat wäre: Es wird hier auf vielleicht zwei Seiten abgehandelt, wie das entstanden ist. Im Alltag merkt man davon (abgesehen von den ermordeten Männern) leider nichts. Und ja, vielleicht könnte man das auch als Satire lesen. Aber das ist halt einfach nicht das, was ich erwarte, wenn im Klappentext das Wort "Matriarchat" fällt.

Ein letzter Kritikpunkt noch: Ich mag es überhaupt nicht, wenn es in Büchern zu Markennennungen kommt und halte es für zumindest problematisch, wenn popkulturelle Anspielungen genannt werden. Hier wird zum Beispiel eine Szene beschrieben, in der Haftbefehl zu rappen beginnen würde, wenn das ein Film war. Da hatte ich schon nur eine grobe Vorstellung, wie das sein könnte, weil ich (Deutsch-) Rap zu großen Teilen verweigere, in ein paar Jahren wird man sowas nicht mehr wirklich verstehen können. Außerdem hatte ich manchmal das Gefühl, dass diese Anspielungen eine Beschreibung der Stimmung oder Emotionen ersetzen sollten. Für mich persönlich hat das leider nicht funktioniert.

Mein Fazit? Dieses Buch war leider nichts für mich. Schade.

Freitag, 29. März 2024

Beklaute Frauen [Buch und Hörbuch]

 Autorin: Leonie Schöler
Gesprochen von Felicity Grist
Erschienen am 28.2.2024
Im Penguin Verlag (Buch) bzw. im Lagato Verlag (Hörbuch)
ISBN Buch: 9783328603238
ISBN Hörbuch: 9783955672560
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Wie Frauen Geschichte schrieben – und Männer dafür den Ruhm bekamen

Muse, Sekretärin, Ehefrau – es gibt viele Bezeichnungen für Frauen, deren Einfluss aus der Geschichte radiert wurde. Für deren Leistungen Männer die Auszeichnungen und den Beifall bekamen: Wissenschaftlerinnen, deren Errungenschaften, im Gegensatz zu denen ihrer männlichen Kollegen, nicht anerkannt wurden. Autorinnen, die sich hinter männlichen Pseudonymen versteckten. Oder Künstlerinnen, die im Schatten ihrer Ehemänner in Vergessenheit geraten sind. Lebendig und unterhaltsam erzählt die Historikerin Leonie Schöler ihre Geschichten, sie zeigt, wer die Frauen sind, die unsere Gesellschaft bis heute wirklich vorangebracht haben. Und sie verdeutlicht, wie wichtig die Diskussion um Teilhabe und Sichtbarkeit ist. Dabei wird klar: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht ein System, das ihn bestärkt; vor allen anderen steht ein System, das sie aufhält."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Hier habe ich endlich mal etwas ausprobiert, das ich schon öfters bei anderen Blogger:innen beobachtet habe: Ich habe das Hörbuch angehört und simultan dazu das Buch gelesen. Und was soll ich sagen? Es funktioniert sehr gut. Das werde ich in Zukunft ganz sicher öfter machen. Ich hatte plötzlich gar keine Probleme mehr, mit den Gedanken beim Text zu bleiben und fand es um einiges weniger anstrengend, zu lesen. Was auch bedeutet hat, dass ich teils 100 Seiten in einer Sitzung lesen konnte, ohne danach komplett kaputt zu sein. Und, ein Funfact, den ich dank diesem Experiment jetzt kenne: Die angenehmste Hörbuchgeschwindigkeit für mich, wenn ich parallel dazu lesen möchte, ist 2,5. Insgesamt also: 10 von 10 Punkten, werde ich definitiv in Zukunft öfter machen. Wozu hat man denn ein Hörbuchabo?

Jetzt aber endlich zum Buch. In "Beklaute Frauen" geht es - wie der Titel bereits vermuten lässt - um Frauen, denen in der Geschichte nicht die Wichtigkeit zuerkannt wird, die sie verdient hätten. Und meist waren daran die Männer Schuld, die sie um sich hatten. Ehemänner, Arbeitskollegen, Künstlerkollegen,... Dieses Buch hat mich unglaublich wütend gemacht. Ganz ehrlich? Es ist nicht so besonders schwierig, sich nicht die Leistungen anderer Menschen selbst zuzuschreiben und sich Erfolge selbst zu arbeiten. Seriously, wie kommt man überhaupt auf die Idee, zum Beispiel ins Büro der Arbeitskollegin einzubrechen, um ihre Notizen zu stehlen und anschließend sogar in der eigenen Autobiographie damit zu prahlen, dass man sich den Nobelpreis nur durch Betrug und Diebstahl "verdient" hat. Bah, da wird mir richtig übel! Und das richtig Schlimme ist ja, dass solche und ähnliche Aktionen nicht nur Auswirkungen auf den beruflichen Erfolg dieser Menschen hatte: Hier wird auch von Suiziden berichtet, die infolge dieses Verhaltens geschahen.

Trotz dieses sehr emotionalen Themas, das mich persönlich einfach nur wütend macht, schafft es die Autorin mit viel Empathie über diese vergessenen Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Heldinnen und so weiter zu berichten und ihnen so die Sichtbarkeit zurückzugeben, die sie eigentlich schon zu Lebzeiten verdient hätten. Das passierte an vielen Stellen auch wortwörtlich, nämlich durch Fotos von den Frauen. Ich würde mir wünschen, dass dieses Buch in den nächsten Wochen und Monaten alle Bestsellerlisten anführt und im Internet gehyped wird, denn ich möchte, dass all diese Namen und Geschichten im kollektiven Gedächtnis landen, verdammt!

Gleichzeitig beweist die Autorin aber nicht nur Empathie für die Vergessenen, sondern auch für ihre Leser:innen. Vor jedem Kapitel findet man Triggerwarnungen, was ich für wichtig und richtig halte. So haben wirklich alle die Möglichkeit, ein Kapitel zu überspringen, sollten sie zu einem Thema gar nichts lesen können oder wollen. Kann ich euch persönlich zwar nicht empfehlen, da ihr dann eine Menge spannender Frauen nicht kennenlernen werdet, aber wie immer gilt trotzdem: Deine Mental Health hat Vorrang.

Die Autorin beschränkte sich aber nicht nur auf die Biographien verschiedener Frauen, sondern kontextualisierte diese auch sehr gut. Sie ging so zum Beispiel auch auf die Diskriminierung durch Gesetze ein, erklärte, wie bestimmte Aspekte in der Gesellschaft zur Zeit funktionierten, in der die einzelnen Frauen lebten und geht dabei auch intersektional vor, was mir sehr wichtig erscheint. In Infokästen (oder im Hörbuch einfach "Info" genannt) erklärt sie dabei auch so schwierige Wörter wie "intersektional". (Zur Info: Das bedeutet, dass nicht jeder Mensch auf gleiche Art von Diskriminierung betroffen ist. Es gibt auch Dinge wie Mehrfachdiskriminierung. Ich als junge weiße Frau aus Österreich bin von Sexismus anders betroffen als eine POC-Frau, die aus Syrien nach Österreich geflüchtet ist und eine Behinderung hat. Was nicht bedeutet, dass Sexismus für mich nicht auch schlimm ist, aber im Gegensatz zur anderen Frau bin ich nicht zusätzlich von Rassismus, Gewalt gegen Migrant:innen oder von Ableismus betroffen. Der Sexismus, den diese Frau erlebt, wird auch sehr wahrscheinlich anders aussehen als der gegen mich. Man denke zum Beispiel an das Klischee der "Angry Black Woman", das sowohl rassistisch als auch sexistisch ist und mich nie betreffen wird.)

Mein Fazit? Dieses Buch und Hörbuch hat mich sehr beeindruckt und ich kann es kaum erwarten, es in den nächsten Wochen allen Menschen in meiner Umgebung aufzuzwingen.

Donnerstag, 8. Februar 2024

Be Your Own Fu*king Hero Workbook

 Autorin: Tijen Onaran
Erschienen am 11.1.2024
Im Goldmann Verlag
ISBN: 9783442317448
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Dein Arbeitsbuch für mehr Mut im Leben

In ihrem inspirierenden Bestseller Be Your Own F*cking Hero erzählt die erfolgreiche Unternehmerin Tijen Onaran, wie sie sich als Kind türkischer Eltern aus dem Nichts eine erfolgreiche Karriere aufgebaut hat, wie sie trotz aller Rückschläge und Hindernisse mutig ihren eigenen Weg gegangen ist und gelernt hat, für sich selbst auf- und einzustehen. Mit diesem cool gestalteten Arbeitsbuch können wir nun alle von Tijen und ihrer Erfolgsstory lernen: Sie teilt darin ihre ganz persönlichen Mut-Momente, Lieblingsquotes, Challenges und praktische Übungen, die ihr dabei geholfen haben, selbstbestimmt zu sein und mutige Entscheidungen zu treffen. Der perfekte Begleiter für alle, die ihr Leben proaktiv gestalten wollen – von den Finanzen über den Freundeskreis und das berufliche Netzwerk bis hin zu Mode und Beauty!"
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Als dieses Buch in meinem Postfach lag, habe ich mich total darüber gefreut und auch direkt begonnen, damit zu arbeiten. Solche Workbooks sind genau mein Geschmack! Das Gefühl, dass ich zu einem anderen/besseren Menschen werden kann, mit besseren Bewältigungsstrategien, besserem Selbstbild und besserem Selbstbewusstsein, ist für mich sehr motivierend. Und so habe ich noch am selben Abend begonnen, Fragen zu beantworten, Ziele zu setzen, Dankesreden an mich selbst zu schreiben und meine Lieblingszitate zu sammeln- Kleiner Disclaimer schon jetzt: Ich habe noch nicht alle Aufgaben erledigt. Das wird noch ein ganzes Zeitchen dauern. Aber ich glaube, dass ich auch jetzt schon einen Überblick über das Buch habe, der es mir erlaubt, dieses Workbook fair zu bewerten.

Dieses Buch liegt gut in der Hand und ist stabil, auch wenn es trotzdem flexibel genug ist, damit ich den Buchrücken brechen und die Aufgaben erfüllen kann, während ich im Bett rumlümmle. (Packt die Fackeln und Mistgabeln weg, Leute. Bücher haben keine Schmerzrezeptoren. Bücher sind Gebrauchsgegenstände. Man darf Büchern ansehen, dass ich sie gelesen habe.) Das Papier ist schön dick und nichts drückt durch - für mich persönlich hätte das Papier aber ein bisschen rauer sein dürfen und weniger glatt. 

Das Workbook ist illustriert und zwar im Stil des Covers. Das gefiel mir ziemlich gut. Vor allem die Zwischenseiten zwischen den einzelnen Kapiteln finde ich wundervoll gestaltet. Auch die Aufgabenseiten ohne Illustrationen sind schön geworden. Auf der linken Seite einer Doppelseite findet ihr immer einige theoretische Informationen. Warum ist das wichtig? Welche Erfahrungen hat die Autorin selbst damit gemacht? Was wird hier trainiert? Wie funktioniert diese Aufgabe? Rechts dürfen dann selbst die Stifte gezückt werden. Nach jedem Kapitel findet ihr außerdem einige Seiten für eure eigenen Gedanken und Notizen zum Thema, was ich gerade bei einem solchen Buch wichtig finde. Viele der Fragen sind doch recht persönlich und die Aufgaben laden dazu ein, sich selbst zu hinterfragen. Dafür muss auch der nötige Platz geboten werden und das passiert hier auch.

Die Fragen selbst waren (wie man das wahrscheinlich auch erwarten kann) unterschiedlich wichtig/hilfreich für mich. Ich liebe zum Beispiel die Idee, eine Dankesrede an mich selbst zu schreiben oder die Möglichkeit, mit Ziele zu setzen. Weniger anfangen kann ich persönlich mit Aufgaben zum Thema Mode. Die Fragen und Aufgaben sind vielfältig und beschäftigen sich mit verschiedenen Themen. Da ist für die meisten Menschen was mit dabei, denke ich.

Mein Fazit? Ein tolles Workbook, mit dem ich bisher schon viel Spaß hatte und mit dem ich mich definitiv auch noch in Zukunft beschäftigen werde.

Dienstag, 30. Januar 2024

Not Your Business, Babe!

 Autorin: Verena Bogner
Erschienen am 11.01.2024
Im Kiepenhauer und Witsch Verlag
ISBN: 9783462005028
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag


Klappentext:
"Wie Du Dich in der kaltherzigen Welt des Kapitalismus zurechtfindest, ohne Dich dabei selbst zu verlieren.

Ungleiche Bezahlung, toxische Hustle Culture und sexistische Boomer-Chefs: Unter den Ungerechtigkeiten der Arbeitswelt leiden vor allem diejenigen, die weiblich sozialisiert wurden. Denn diese Sozialisierung hinterlässt Spuren und nagt an der mentalen Gesundheit. Viele Frauen fühlen sich wie unfähige Hochstaplerinnen, die Popkultur präsentiert ihnen problematische Vorbilder und Girlboss-Parolen in den sozialen Medien fördern Einzelkämpferinnentum. Kurz: Das Patriarchat ist längst nicht überwunden und strukturelle Ungleichbehandlung an der Tagesordnung.

In »Not Your Business, Babe!« berichtet Verena Bogner von ihren eigenen Erfahrungen, spricht mit Expert*innen über Red Flags bei der Jobsuche und analysiert, wie Netflixserien und Popsongs unser Bild von arbeitenden Frauen prägen. Außerdem beantwortet sie die Fragen, die sie sich selbst immer gestellt hat: Wie können Frauen in einem fehlerhaften System solidarisch zusammenarbeiten? Welche Playlist sollte ich auf dem Weg zur Gehaltsverhandlung hören? Und wie lasse ich mich von dem Wahnsinn der Arbeitswelt nicht verändern, sondern bleibe ich selbst?"

Meine Meinung:
In nur wenigen Tagen starte ich selbst in die Welt der Berufstätigen. Zwar habe ich schon seit ich 14 war regelmäßig gearbeitet (Babysitting, Nachhilfe, Sommerjobs, geringfügige Stellen neben der Uni), aber trotzdem ist diese neue Stelle sicher wieder eine ganz andere Herausforderung, allein schon, weil das mehr Stunden pro Woche sind. Ich freue mich trotzdem darauf. Um ganz ehrlich zu sein: Ich glaube nicht, dass ich dort mit vielen der Probleme konfrontiert werden werde, die hier in diesem Buch beschrieben werden. Das Team ist überwiegend weiblich und vom Chef hatte ich bisher nicht das Gefühl, dass er sexistisch sein könnte. Und meine Stelle ist jetzt auch nicht unbedingt eine, über die mir die Popkultur falsche Erwartungen hätte vermitteln können. Denn in der Popkultur existiert diese Art von Beruf einfach nicht. Auch bin ich mir ziemlich sicher, dass Einzelkämpferinnentum dort nicht funktionieren würde.

Trotzdem wollte ich dieses Buch lesen. Es schadet nicht, wenn ich über Red Flags bei der Jobsuche Bescheid weiß oder wenn ich weiß, wie ich meinen Gehalt verhandle. Letzteres habe ich mich bei diesem Bewerbungsgespräch tatsächlich getraut - und ich war erfolgreich und es war kein Drama, ich wurde trotzdem eingestellt und ernstgenommen und nicht einfach vor die Tür gesetzt. Und ja, all diese Szenarien habe ich mir zuvor ausgemalt. Dieses Buch hat dazu aber leider nicht so viel beigetragen, wie ich mir gewünscht hätte. Irgendwie habe ich aktuell kein Glück mit Sachbüchern...

Mein erstes und wohl größtes Problem mit diesem Buch war die Struktur. Die Kapitel sind sehr kurz und greifen oft ineinander, was an sich mal nichts negatives ist. Aber mein Problem war, dass ich leider oft nicht unbedingt wusste, worauf die Autorin jetzt hinaus will. Und das ist für mich bei einem Sachbuch doch eine der Grundvoraussetzungen. Auch war mir das Buch an vielen Stellen zu persönlich. Das würde funktionieren, wenn man dieses Buch als Essay vermarkten würde, aber der Klappentext wirkt zumindest doch auf mich eher wie ein Sachbuch oder vielleicht auch wie ein Ratgeber.

Besonders interessiert hat mich, wie die Autorin wohl Verbindungen zur Popkultur schlägt. Begonnen hat diese Verknüpfung ziemlich gut, nämlich mit einer richtig tollen Playlist, die ich auch jetzt noch auf meinem Handy gespeichert habe. Aber dann wurde mir diese Verbindung dann leider oft zu schwammig und ging mir nicht weit genug. Ja, ich glaube definitiv, dass es da eine Verbindung gibt. Medien prägen uns und unser Verhalten. Aber das hier war dann leider doch eine recht oberflächliche Interpretation der Zusammenhänge.

Mein Fazit? Wer sich bereits schon länger mit den Themen Feminismus und Sexismus am Arbeitsplatz beschäftigt, kann hier leider nicht mehr viel lernen. Und auch an praktischen Tipps bezüglich Gehaltsverhandlung und co. findet man hier leider nur wenig.

Montag, 11. Dezember 2023

Pick me Girls

 Autorin: Sophie Passmann
Erschienen am 7.9.2023
Im Kiepenhauer und Witsch-Verlag
ISBN: 9783462004205
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Sophie Passmann hat mit »Pick me girls« nicht nur ihr persönlichstes Buch geschrieben, sondern auch eine kluge Auseinandersetzung mit dem männlichen Blick. Ihr Memoir zeichnet ein stellvertretendes Frauenleben nach und wirft die Frage auf: Welche Version von ihr selbst hätte Sophie Passmann sein können, wenn das Patriarchat nicht existieren würde?

»Ich bin nicht so wie andere Frauen«, ist der typische Satz eines pick me girls. Wahrscheinlich haben die meisten Frauen diesen Satz mal gedacht, nicht nur in der unbewusst-misogynen Abgrenzung zu einem ganzen Geschlecht, sondern als Herabwürdigung des eigenen Selbst – man ist nicht so dünn und hat keine so gute Haut wie alle anderen Frauen. Wenn man als Frau geboren wird, kommen die Selbstzweifel ab Werk. Spätestens in der Pubertät wird man mit der goldenen Regel konfrontiert, die zwar nirgendwo geschrieben steht, aber als allgemeingültig gilt: Der männliche Blick, das Begehrtwerden ist die höchste Währung. Warum wir alle pick me girls sind und welche Unmöglichkeiten Sophie Passmann und höchstwahrscheinlich auch jede andere Frau im Laufe ihres Lebens ertragen muss, das seziert Sophie Passmann so scharf und klug wie keine andere."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Auch wenn es auf diesem Blog vielleicht nicht so wirkt: Ich war selbst sehr lange ein Pick-me-Girl und weiß deswegen, wovon ich spreche, wenn ich über dieses Thema schreibe. Ich war überzeugt davon, anders als alle anderen Mädchen und Frauen zu sein und dass Freundschaften mit Jungs generell besser seien, da unter Frauen Zickenkrieg herrsche. Außerdem dachte ich, dass Jungs interessanter seien, denn wofür interessieren sich Mädchen bitte außer die Farbe Pink, Barbies, (damals) Justin Bieber und Make up? 
Habe ich so gedacht, weil ich Frauen aktiv niedermachen wollte? Himmel, nein. Habe ich das aus Egoismus, Hass, Narzissmus gemacht, weil ich mich über andere stellen wollte? Nein, ebenfalls nicht. Für mich war das Selbstschutz. Ich hatte in meiner Kindheit damit zu kämpfen, Freundschaften zu schließen und bekam zu spüren, wie bösartig Kinder sein können. Und mit Kinder meine ich hier, bezogen auf meine Vergangenheit, meist andere Mädchen. Man kombiniere diese Erlebnisse mit Alltagssexismus, der mir durch verschiedenste Medien anerzogen wurde - fertig war die kleine Pick-me-Mira.
Wie ich aus diesem ekelhaften Mindset wieder rausfand? Zwei Dinge: Erstens habe ich irgendwann angefangen, feministische Texte zu lesen und bekam so deutlich gezeigt, welche Glaubenssätze ich verinnerlicht hatte, ohne dass ich es wusste. Und zweitens: Freundschaften mit anderen Frauen. Irgendwann habe ich festgestellt, dass die meisten Frauen, die ich näher kennenlernte, eigentlich doch ganz nett sind. Viele davon sind spannend, bringen ihre eigene Geschichte mit, haben ähnliche Interessen wie ich oder aber auch andere Interessen, die plötzlich zu meinen werden, weil sie so viel Begeisterung dafür an den Tag legen, dass mich das einfach nicht kalt lassen kann.

Long story short: Ich war ein Pick-me-Girl. Inzwischen bin ich keines mehr. Gleiches behauptet Sophie Passmann für sich. Natürlich musste ich dieses Buch also lesen, denn bisher sind nur wenige Bücher zu dieser Erfahrung erschienen. Ich habe mir ein feministisches Sachbuch oder eine Essaysammlung erwartet, vielleicht garniert mit einigen privaten Anekdoten aus dem Leben der Autorin. Bekommen habe ich leider nur eine Autobiographie - das hat mich überrascht, denn der Klappentext und der Titel suggerieren, dass hier über eine Erfahrung gesprochen wird, die viele junge Frauen gemacht haben. Und auch von irgendeiner Art des Feminismus konnte ich hier nichts spüren, leider.

Ein ganz großes Problem, das ich mit diesem Buch habe, ist die Tatsache, dass Passmann hier Allgemeingültigkeit suggeriert, die meiner Meinung nach einfach nicht zutrifft. So verkauft sie dann leider stellenweise ihre persönliche Meinung als Fakt, hält es aber leider nicht für nötig, diese "Fakten" auch mit Quellen, Zahlen oder irgendetwas anderem zu belegen als persönliche Anekdoten. Und das reicht einfach nicht, tut mir leid.

Einige Aussagen, die hier getroffen werden, halte ich für eher... abenteuerlich, um einen möglichst positiven Begriff zu verwenden. Wie kann man als Autorin, die von sich selbst behauptet, Feministin zu sein, mehrfach behaupten, dass Frauen generell langweiliger und weniger spannend sind als Männer? Dass Frauen weniger Interessen haben? Die Argumentation dahinter ist folgende: Die Autorin selbst hat nur wenige eigene Interessen. Und das trifft jetzt auf ALLE Frauen zu, weil ...? Diesen Sprung konnte ich nicht nachvollziehen und ich halte eine solche Aussage für gefährlich - und leider passiert das in diesem Buch öfter, dass Passmann eigene Erlebnisse und Meinungen nimmt und behauptet, dass so alle Frauen denken. 
Für genauso gefährlich halte ich folgende Aussage auf Seite 139 meiner Ausgabe: "Ich weiß, dass ich heute besser aussehe als mit Anfang 20. Ich weiß das, weil ich heute oft sexuell belästigt werde." Ähm... Pardon me? Sexuelle Belästigung hat nichts mit Schönheit oder Attraktivität zu tun. Sexuelle Belästigung ist kein Kompliment, nicht lustig, kein Spiel und ganz sicher kein Wettbewerb. Ich dachte, mir fallen die Augen raus, als ich dieses Kapitel gelesen habe, denn dieser Satz fasst das ganz gut zusammen.

Alles in allem hatte ich vor allem folgenden Eindruck: Die Autorin will gefallen, immer noch. Sie will nicht anecken, zumindest nicht bei Männern. Dieses Buch wurde für Männer verfasst, ist an Männer gerichtet, aber nicht an Frauen - was schon auf den ersten Seiten sichtbar wurde, nämlich dadurch, dass Männer eine eigene Einleitung bekommen, in denen ihnen Honig dafür ums Maul geschmiert wird, dass sie dieses Buch zur Hand nehmen. Dieses Buch ist Beweis dafür, dass man auch dann noch Pick-me-Girl sein kann, wenn man eigentlich bereits erwachsen ist, alle Fakten zu diesem Thema auf dem Tisch hat und von sich selbst behauptet, dass man kein Pick-me-Girl mehr ist. Das finde ich sehr schade, denn das Ziel des Buches, das durch den Klappentext eigentlich recht klar porträtiert wurde, wurde so meiner Meinung nach leider verfehlt.

Das ganze Werk wirkte auf mich zusätzlich etwas unstrukturiert. Ich konnte den roten Faden nicht erkennen. Das Thema war: Pick-me-Girls. Aber was denn eigentlich das Ziel der Autorin ist, warum sie sich für genau diesen Aufbau entschieden hat, wurde für mich bis zum Ende nicht sichtbar.

Mein Fazit? Das bisher wohl schwächste Buch der Autorin. Ich persönlich würde sogar so weit gehen, dieses Buch als problematisch zu bezeichnen.

Mittwoch, 26. Juli 2023

Men to Avoid in Art and Life [Kurzrezension]

 

Quelle: Verlag

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich bin eine große Kunstliebhaberin. Das hat sich bei mir durch mein Studium entwickelt (auch wenn ich auch schon davor mit meinem Vater in verschiedene Ausstellungen gegangen bin), denn ich hatte eine richtig tolle Professorin im Fach Kulturgeschichte, die mit so viel Begeisterung von verschiedenen Gemälden gesprochen hat, dass ich seitdem einen ganz anderen Blick auf Kunst habe. Auch dieses Büchlein habe ich von einer Kunstausstellung in den Albertina in Wien. Das lag da im Souvenirshop rum und mein allerliebster Kunstbuddy (also mein Vater) hat es mir dann sofort gekauft.

In diesem Buch werden Gemälde, wie man sie in verschiedenen Museen finden könnte, mithilfe von Sprechblasen zu Comics umfunktioniert. So werden verschiedene Situationen aufs Korn genommen, wie sie FINTAs* (also Frauen, Inter Personen, Nichtbinäre Menschen, Trans Menschen und Agender Personen) in ihrem Alltag immer wieder begegnen. Am liebsten sind mir ja die Bilder, in denen sich die Autorin über Mansplaining lustig macht. Das passiert mir so oft, dass Männer denken, dass ich eine Erklärung von ihnen brauche oder mir eine wünsche und das am besten zu Themen wie Literatur, wo ich ganz sicher mehr weiß als die lieben Herren der Schöpfung, die mir ungefragt erklären, was denn eigentlich eine Dystopie ist. Und scheinbar nicht nur mir, denn hier wird dann zum Beispiel der Pferdebesitzerin erklärt, wie man reitet oder einer anderen jungen Frau, wie der Witz funktioniert hat, den sie gerade gemacht hat.

Was ich daran so göttlich fand? Die Gesichtsausdrücke der Figuren, die man ja genau so auch in den Originalbildern findet. Die hier gemalten Frauen sehen unglaublich genervt aus und ich konnte mich leider besser mit ihnen identifizieren, als ich es mir erwartet hätte. Und das hat bei mir natürlich die Frage aufgeworfen, warum Frauen scheinbar oft als nicht glücklich gemalt werden. Da werde ich wohl definitiv noch weitere Recherchen dazu anstellen.

Das ganze ist auf Papier gedruckt, das sich für mich hochwertig anfühlt, sieht gut an und liegt gut in der Hand. Ewig werdet ihr daran nicht lesen, aber es ist trotzdem eine gute und interessante Lektüre.

Mein Fazit? Ein schönes Büchlein darüber, was in den verschiedensten Bildern wohl gerade passieren könnte.

Samstag, 17. Juni 2023

Frauen schulden dir gar nichts [Höbuch/Kurzrezension]

Quelle: Verlag

Wie viele von euch wissen, bin ich immer etwas kritisch, wenn Bücher von allen Seiten nur gelobt werden oder sogar ein richtiger Hype darum ausbricht. Und dieses Sachbuch ist eines der Bücher, die zumindest in meiner kleinen Blase des Internets ordentlich gefeiert wurden. Und ganz ehrlich: Ausnahmsweise finde ich, dass dieses Buch den Wirbel, der darum gemacht hat, auch wirklich verdient hat.

In diesem Buch geht es um Feminismus, wie Florence Given ihn sieht. Gleichzeitig ist es aber auch eine Art Selbsthilfebuch für Mädchen und junge Frauen. Als Altersempfehlung würde ich vielleicht 16 Jahre festlegen, auch wenn das natürlich immer abhängig ist von der Person, die dieses Buch lesen möchte. Ich hätte das Buch vielleicht schon mit 15 verschlungen, andere sind vielleicht erst mit 18 reif genug für dieses Buch. In jedem Kapitel hier werden unterschiedliche Themen gesprochen. Mal geht es um Consent, mal um verschiedene sexuelle Orientierungen, mal um Heteronormativität, mal darum, warum es nicht deine Aufgabe ist, deinen Partner zu einem besseren Menschen zu machen. Aber auch Themen wie "Pretty Privilege" (also die Tatsache, dass man als konventionell attraktiver Mensch bevorzugt behandelt wird), das Setzen von Grenzen oder sexuelle Belästigung finden hier ihren Platz. Dabei wird die Autorin stellenweise auch sehr persönlich: Sie spricht von ihren eigenen Erfahrungen mit diesen Themen, spricht über ihren Berufsalltag, aber streift auch immer wieder das Thema sexueller Missbrauch, wie sie es in ihrem Leben leider bereits miterlebt hat.

Das ganze Themenspektrum wird in einer Sprache behandelt, die auch für Menschen, die zum ersten Mal mit diesen Themen in Berührung kommen, verständlich sein sollte. Und das wirklich auf allen Ebenen. Du hast den Unterschied zwischen biologischem Geschlecht und Gender noch nicht ganz verstanden? Du nennst zwar Leute toxisch, weißt aber gar nicht wirklich, was das bedeutet?  Kein Problem, Florence Given erklärt dir das hier. Trotzdem war das ganze auch für mich, die sich bereits an der Uni mit diesen Themen befassen durfte, spannend, an manchen Stellen aufwühlend, an anderen lustig.

Besonders lobenswert finde ich, dass hier tatsächlich vor jedem Kapitel Triggerwarnungen kamen und die dann auch sogar im Hörbuch vorgelesen wurden. Das fand ich schön, denn so konnte ich jedes Mal wieder in mich gehen und kurz in mich hineinfühlen, ob ich zum Beispiel gerade einen Text zum Thema sexueller Belästigung hören möchte. Spannend fand ich auch die Checklisten, die nach vielen der Kapitel kamen. Hier werden zum Beispiel Merkmale toxischer Beziehungen aufgezählt, egal, ob diese platonisch, romantisch oder sexuell sind. Das fand ich hilfreich, denn nur wenn wir wissen, auf welche Warnzeichen wir achten müssen, sind wir in der Lage dazu, diese auch zu erkennen und rechtzeitig Grenzen zu setzen.

Meiner Meinung nach war die Hörbuchsprecherin Yesim Meisheit eine großartige Wahl des Verlagshauses. Sie vermittelt den Text super authentisch und glaubwürdig und ich habe ihr sehr gerne zugehört.

Interessanterweise habe ich fast das Bedürfnis, dieses Buch jetzt noch mal auf Papier zu lesen. Ich würde einfach total gerne sehen, ob das Innenleben dieses Buchs so schön gemacht ist, wie ich es mir vorstelle.

Mein Fazit? Sehr, sehr starkes Buch darüber, warum Frauen niemandem etwas schulden. Ich habe es geliebt.

Sonntag, 9. April 2023

Muss ich das gelesen haben? Was in unseren Bücherregalen und auf Literaturlisten steht - und wie wir das jetzt ändern

 Autorin: Theresa Reichl
Erschienen am 27.03.2023
Im Haymon Verlag
ISBN: 9783709981764
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag
Klappentext:
"Wie das Patriarchat über „wichtige“ Literatur entscheidet, unsere Weltsicht prägt – und warum wir jetzt etwas dagegen tun müssen
Beginnen wir mit einer beliebten Unwahrheit: Jugendliche wollen nicht mehr lesen. Absoluter Quatsch, sagt Autorin Teresa Reichl. Vielmehr ist es so: Wir müssen endlich mit den verstaubten Kanon-Listen und den ewig gleichen Autoren (!) aufräumen. Tun wir das nicht, gefährden wir die Zukunft des Lesens. Denn: Wie kann es sein, dass nur eine Perspektive zum Klassiker taugt? Wie sollen wir uns für Bücher begeistern, wenn Geschichten wieder und wieder und wieder aus einer ähnlichen Sicht erzählt werden? Wenn nur bestimmte Autoren (weiß, männlich, heterosexuell …) als große Literaten gefeiert werden? Am besten haben wir keine Meinung zu Klassikern, die von der allgemeinen abweicht, und falls doch, sind wir vielleicht einfach nicht „intelligent“ genug oder wir haben diese „hohe Kunst“ einfach nicht verstanden. Woher das alles kommt? Welcome to patriarchy! Ja, das Patriarchat hat überall Einfluss – auch auf das, was und wie wir lesen. Es ist deshalb Zeit für den nächsten logischen feministischen Schritt: Die Literatur und ihre Geschichte werden umgeschrieben. Werden divers. Werden endlich korrigiert.
Bam! Grundlagen, Alternativ-Kanon und geballtes Wissen: in verständlich und für alle!
Eine neue Sicht auf Literatur ist möglich und notwendig. Das beweist Teresa Reichl, indem sie Basics zur Literaturgeschichte klärt, die bestehende Riege der Klassiker gründlich prüft und einen ausgewachsenen Alternativ-Kanon entwirft. Wofür? Um zu zeigen, dass es Bücher (ja, auch alte!) von Autor*innen gibt, von denen immer behauptet wird, sie hätten nichts geschrieben. Um endlich neue Stimmen erzählen zu lassen. Die Autorin macht deutlich, dass es eine Offenheit braucht, die neue Bücher im literarischen Kanon zulässt. Um Blickwinkel zugänglich zu machen, mit denen sich Jugendliche, aber auch Erwachsene identifizieren können. Das hier ist der Anfang einer Literaturrevolte. Wie sie aussehen könnte? Steht in diesem lehrreichen, wütenden und zugleich witzigen Buch."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Wie ihr alle wisst, rezensiere ich auf meinem Blog immer wieder auch Klassiker. Für mich war das eine Trotzreaktion auf die Tatsache, dass viele Menschen Klassiker als unantastbar betrachten und auf eine Art Podest stellen. Leute, es sind nur Bücher. Ja, das sind Texte, denen wir als Gesellschaft einen besonderen Wert zuschreiben, aber trotzdem nur Texte. Wenn wir die auf ein Podest stellen, sie unantastbar machen und jede Kritik daran verbieten, steigt die Angst vor diesen Büchern. Wenn man die um jeden Preis mögen muss, weil sonst die eigene Intelligenz infrage gestellt wird, können Klassiker nur negativ wahrgenommen werden. Da lässt man dann lieber die Finger davon. Das war lustigerweise auch bei mir lange der Fall. Würde man wohl nicht glauben, dadurch, dass ich Literaturwissenschaft studiere, oder? Erst als ich mir erlaubt habe, Klassiker zu kritisieren, darüber zu schimpfen, zu lachen und sie als normale Bücher zu betrachten, haben sie angefangen, mir Spaß zu machen. Und auch die Frage "Muss ich das gelesen haben?" kann ich seitdem einfacher beantworten: Nein, du musst nichts gelesen haben. Außer du willst es lesen.

In diesem Sachbuch betrachtet Teresa Reichl Klassiker auf verschiedenen Perspektiven. Sie erklärt Fachbegriffe (Was ist eigentlich Literatur?), erklärt, wie ein Kanon entsteht und warum der aktuelle Kanon doch problematisch ist und kritisiert werden muss und macht Vorschläge, durch welche Bücher der aktuelle Kanon ergänzt werden könnte, um ihn diverser zu machen.

Besonders an diesem Buch ist vor allem sein Schreibstil. Dieses Buch richtet sich an Jugendliche und das merkt man auch. Die Autorin verwendet hier Slang, Dialekt, zitiert TikTok-Videos und Memes. Ich gehöre nicht mehr zur Zielgruppe und das habe ich auch deutlich gemerkt. Gerade zu Beginn hatte ich mit diesem Stil Probleme, gerade jüngeren Leser:innen könnte das aber gefallen. Mir selbst waren da zu viele Füllwörter, mit vielen der Fußnoten konnte ich nichts anfangen und die vielen Seitenhiebe gegenüber Thomas Mann hielt ich irgendwann für übertrieben. 
Auch gefallen könnte jüngeren Menschen Reichls Definition von Literatur, die um einiges weiter gefasst ist als meine eigene. So können für Reichl auch TikTok-Videos Literatur sein - eine Einstellung, die ich nicht wirklich teilen kann. Allerdings bin ich auf dieser App auch nicht wirklich aktiv und sehe nur Videos, die mir weitergeleitet werden. Wer weiß also schon, ob sich da nicht auch Hochwertigeres rumtreibt.

Mein Fazit? Mich würde es interessieren, wie dieses Buch bei der tatsächlichen Zielgruppe ankommt. Da gehöre ich nicht mehr ganz dazu. Ich mochte einige Aspekte dieses Buchs, mit anderen hatte ich meine Probleme.

Montag, 2. Mai 2022

Wutschrift. Wände einreißen, anstatt sie hochzugehen

 Autorin: Pia Klemp
Erschienen am 16.3.2022
Im Penguin Verlag
ISBN: 9783328109273
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Habe Wut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen

Pia Klemp, Kapitänin, Aktivistin und Seenotretterin, fordert mehr Wut von uns allen. Wut, die zu Engagement führt, die uns antreibt, zu ändern, was schiefläuft. Es scheint, wir leben in wütenden Zeiten: Frauen fordern ihre Gleichberechtigung mit Männern, People of Colour die ihre mit Weißen, junge Leute einen verantwortungsvollen Umgang mit unserem Planeten, Menschenrechtsaktivist*innen ein humanes Verhalten gegenüber Geflüchteten. Das bringt ihnen Aufmerksamkeit ein. Aber nicht unbedingt Wertschätzung oder Verständnis. Benachteiligte sind nicht wütend, sie sind hysterisch. Nicht ernst zu nehmen. So scheint es. Und es ist an der Zeit, dass sich das ändert. Wut ist ein Werkzeug, das wir nutzen können, um Wände einzureißen, anstatt sie hochzugehen. Ein Impulsgeber, der aufzeigt, was uns wichtig ist. Denn wer nicht wütend ist, hat nur noch nicht richtig aufgepasst."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Im letzten Post noch als Neuzugang vorgestellt und jetzt schon fertig gelesen. So kann es gehen! Und wow, das war vielleicht eine emotionale Achterbahn für mich. Wie ich schon erwähnt habe, bin ich selbst ein recht… temperamentvoller Mensch. Nennen wir es mal so. War schon immer so und wird wahrscheinlich auch immer so bleiben. Und auch wenn mir das manchmal unangenehm ist, hat es doch auch seine guten Seiten. Ich denke nicht, dass viele Menschen von sich behaupten können, zum ersten Mal im zarten Alter von sechs oder sieben Jahren einen Onkel für seine blöden Sprüche zur Rede gestellt zu haben. Wut kann man immer aus mehreren Blickwinkeln betrachten. Bringt mich Wut dazu, unüberlegt zu handeln und manchmal auch Dinge zu sagen, die ich später bereue? Ja, definitiv. Aber gleichzeitig macht mich Wut auch mutig.

Aber leider nicht so mutig, wie Pia Klemp es durch ihre Wut ist. Sie ist eine wahre Heldin und ich glaube, dass sie das auch weiß. Sie war bereits auf mehreren Rettungsschiffen im Mittelmeer Kapitänin und hat dadurch unzähligen Menschen auf der Flucht das Leben gerettet. Und das, obwohl sie weiß, dass das zu Strafanzeigen und Gerichtsverfahren gegen sie führen kann (und auch bereits geführt hat). Diese Frau ist eine Heldin und wird vom europäischen „Rechtssystem“ als Verbrecherin behandelt. In ihrem Buch spricht sie darüber, warum sie die Wut für ein so wichtiges Gefühl hält und warum wir alle viel häufiger wütend sein sollten: Flüchtende Menschen ertrinken und werden in Elendslager gesperrt, Rassismus ist ein alltägliches Phänomen, Frauen sind immer noch nicht gleichberechtigt und wir sind auf dem besten Weg, unseren Planeten zu zerstören. Und trotzdem sollen alle ruhig bleiben und entspannt darüber diskutieren, ohne auch nur ein bisschen Wut zu zeigen.

Ich sage es euch ganz ehrlich: Dieses Buch hat mich wütend gemacht. Sehr wütend. Es war so, als hätte mir Pia Klemp durch ihren Text die Erlaubnis gegeben, die ganze Wut, die sich wegen der Ungerechtigkeiten der Welt in mir angestaut hat, einfach mal zu fühlen. Stellenweise ging das so weit, dass ich das dringende Bedürfnis bekam, dieses Buch einfach quer durch den Raum zu werfen – am liebsten in das Gesicht einiger Politiker:innen, die ich für absolute Vollkoffer halte, und ja, ihre Anhänger:innen würde ich damit auch gerne treffen. Ups?

Dieses Buch ist sicher nicht für jeden die perfekte Lektüre, ich halte es aber für spannend und für notwendig. Es passiert so viele Schlechtes in der Welt, das nicht passieren müsste. Wir könnten uns auch einfach alle zusammenreißen und alle zusammen eine gute Zeit haben. Aber nein: Aus irgendeinem Grund halten wir es für eine bessere Idee, unsere Planeten zu zerstören, Kriege zu führen, rassistisch zu sein, uns gegenseitig auszubeuten,… Klemps Buch ist ein Weckruf, dem in der Bücherbubble einfach viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Wenn ihr also nach dem nächsten Buch sucht, dass ihr durch einen Hype pushen wollt: Wie wäre es mit diesem hier?

Mein Fazit? Eine sehr wichtige Lektüre, die ihr nicht verpassen solltet.

Sonntag, 5. Dezember 2021

Jetzt halt doch mal die Klappe, Mann! Warum wir auf Mansplaining keinen Bock mehr haben

 Autorin: Fee Brembeck
Erschienen am 18.10.2021
Im Goldmann Verlag
ISBN: 9783442316380
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Ob im Büro, im Bus oder zu Hause, Männer erklären weiblich gelesenen Personen gerne ungefragt ihren Job, ihre Emotionen, ihren Körper, eben ihre ganze Welt – und das oft ohne jegliche Kompetenz, dafür mit reichlich Arroganz und völlig unabhängig davon, ob ihr Gegenüber ausgewiesenermaßen Expert*in ist: Die Herren der Schöpfung halten einfach nicht ihre Klappe. Das sogenannte Mansplaining weist Frauen automatisch eine untergeordnete passive Rolle zu und gesteht ihnen in Wort und Tat keinen Platz zu. Doch woher kommt dieses Verhalten und was hat es mit unserer patriarchal geprägten Gesellschaft zu tun? Die Feministin und preisgekrönte Slammerin Fee Brembeck erklärt die Gründe für den männlichen Erklärungsdrang, verknüpft sie mit persönlichen Erfahrungen und schlägt eine Brücke zu anderen Kampfplätzen des Feminismus wie Geschlechterstereotypen, Emotional labor, Manspreading und toxischer Männlichkeit. Dazu gibt sie hilfreiche Tipps, wie man mit Klasse und Humor die Mansplainer in ihre Schranken weist oder sogar selbst vom Mansplainer zum Feministen wird. Ein kluges, unterhaltsames und längst überfälliges Werk!"
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Ich denke nicht, dass es da draußen einen als weiblich gelesenen Menschen gibt, der:die nicht schon mal Mansplaining erlebt hat. Mansplaining ist, wenn mir zum Beispiel mein Cousin, der die Schule noch nicht abgeschlossen hat, erklärt, was Literatur ausmacht oder wenn mir fremde Menschen, die meinen Blog gerade gefunden haben, ungefragt erklären, was eine Dystopie ist, weil sie dieses Wort in einer meiner Rezensionen gelesen haben und nur sichergehen wollen, dass ich auch wirklich verstanden habe, was das ist. Dass ich einen Bachelor in Literaturwissenschaft habe und meine Bachelorarbeit über Dystopien geschrieben habe, scheint diesen Menschen egal zu sein. Aber natürlich wurde ich auch schon in anderen Lebensbereichen gemansplained. Beliebt sind dabei scheinbar vor allem technische und seit Corona auch medizinische Angelegenheiten. Versteht mich nicht falsch: Ich habe nichts dagegen, wenn mein Arzt mir die Vorteile einer Auffrischungsimpfung nochmal ins Gedächtnis ruft oder mein Bruder mir bei Computerproblemen hilft, nachdem ich ihn darum gebeten habe. Was mich stört, ist, wenn Max Mustermann ungefragt glaubt, er müsse mir jetzt erklären, wie ein Kaffeeautomat funktioniert. Aber hey: Langsam wird auch immer mehr Männern bewusst, dass dieses Phänomen existiert. Und damit das immer schneller passiert, lese und rezensiere ich Bücher wie dieses.

Hier geht Brembeck, Poetry-Slammerin, Autorin und angehende Opernsängerin, auf dieses nervige Phänomen ein. Denn auch sie hat Erfahrung damit und erzählt hier Anekdoten, die genauso witzig wie tragisch sind. Gleichzeitig geht sie auf Statistiken zum Thema ein. Wer dieses Buch liest, weiß danach nicht nur, wie Mansplaining aussieht, sondern auch, warum das eigentlich so schlimm ist, welche Auswirkungen das auf FINTA hat. Ja, diese Abkürzung gehört zu den neuen Dingen, die ich aus diesem Buch gelernt habe. FINTA steht für Frauen, Inter-Menschen, nicht-binäre Menschen, trans* Menschen und agender Menschen. Finde ich eine gute Abkürzung, die ich in Zukunft definitiv öfter nutzen werde.

Der Stil dieses Sachbuchs ist trotz des sehr ernsten Themas unterhaltsam, positiv und oft sogar witzig. Man merkt einfach, dass die Autorin sich ausdrücken kann und stellenweise hatte ich auch das Gefühl, dass ihre Erfahrung als Poetry-Slammerin sichtbar wurde. Aufgrund des angenehmen und nicht zu komplizierten Stils ist dieses Buch meiner Meinung nach auch für Menschen geeignet, die sich mit diesem Buch zum ersten Mal mit dem Thema beschäftigen. 

Mein einziger Kritikpunkt ist, dass im Korrektorat leider der ein oder andere Fehler übersehen wurde. Es stört den Lesefluss nicht, aber es ist mir halt doch aufgefallen.

Mein Fazit? Ein gut gelungenes Sachbuch und eine klare Empfehlung.

Mittwoch, 20. Oktober 2021

Die Party. Eine Einkreisung

 Autorin: Ulrike Haidacher
Erschienen am 25.8.2021
Im Leykam Verlag
ISBN: 9783701182077
Rezensionsexemplar: Ja, gelesen im Zuge einer Leserunde

Quelle: Verlag

Klappentext:
"Eine Party läuft aus dem Ruder.
Eine Softeisverkäuferin landet durch Zufall auf einer Party, die sich als biedere Kochveranstaltung im Elternhaus eines Regisseurs herausstellt. Der Parade-Feminist und Egozentriker belehrt seine Gäste in langen Monologen und Bernhard-Manier, darunter eine 30-jährige Juristin und »Powerfrau« sowie ein weltverbesserisches Trachten-Pärchen. Während Prosecco getrunken und Rohschinken gegessen wird, diskutieren die Partygäste über »starke Frauen« und Frauenquoten. Dabei fallen die Figuren nach und nach aus ihrer Rolle, nimmt das Themenkarussell so schnell Fahrt auf, dass nicht nur der Softeisverkäuferin schwindlig wird. Bis zur Eskalation ist es nur eine Frage der Zeit. Die gefeierte Kabarettistin Ulrike Haidacher entwickelt in ihrem Debütroman eine »Sogkraft«, der sich niemand entziehen kann. Garniert mit Übersteigerung und originellem Sprachwitz vollführt der Text die hohe Kunst der Komik, die geradewegs in die Tragödie schlittert. Eine Party, die man nicht so schnell vergisst!
»Der Zeitpunkt, an dem auf einer Party Pop-up-Schürzenstände aufgebaut werden, kann als der Moment gesehen werden, eine Party guten Gewissens zu verlassen, man muss nicht immer bis zum bitteren Ende bleiben.«"
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Dieses Buch habe ich im Zuge einer Leserunde gelesen. Was ich an Leserunden mag, ist die Tatsache, dass ich gleichzeitig mit dem Text auch mit der Meinung anderer zum Buch konfrontiert werde. Hier war das spannend, da die Meinungen zum Text weit auseinandergingen. Während manche den Text gefeiert haben, haben andere das Buch abgebrochen oder damit geliebäugelt. Doch was ist meine Meinung dazu?

Nun, der Beginn hat mich gefesselt. Es hat mir Spaß gemacht zu sehen, wie die Protagonistin in den Strudel rund um den Regisseur gerät. Mit ihr hatte ich stellenweise fast Mitleid, weil die Gruppe rund um den Regisseur ziemlich unsympathisch ist. Gleichzeitig waren viele Stellen des Dialogs so absurd, dass ich lachen musste. Und wurde immer gleich darauf nachdenklich. Immerhin sind die Figuren und ihre Ansichten nicht komplett aus der Luft gegriffen. Schaut euch doch mal hier im Internet um! Es gibt so viele Leute, die sich für ausgesprochen feministisch, offen und modern halten und dann gleichzeitig Ansichten vertreten, die aus den 1950er-Jahren stammen könnten. Mein Professor für Gender Studies hat diese Entwicklung in seiner Vorlesung als "postfeministisch" bezeichnet. Wir genießen im Moment die Vorteile, die uns frühere Feministinnen verschafft haben und können deswegen auf Feminismus "scheißen", so wie das hier im Buch beschrieben wird. Und in gewissen Kreisen wird das dann als besonders feministisch und modern wahrgenommen, als so richtig fortschrittlich, auch wenn das das genaue Gegenteil ist. Es würde mich interessieren, ob es das Ziel von Haidacher war, diese Entwicklung zu thematisieren.
Schön gezeigt wird hier auch die Kommerzialisierung von Feminismus. Der Regisseur verkauft sich zum Beispiel als Feminist und Frauenförderer. Allerdings hört seine Unterstützung an dem Punkt auf, an dem seine Machtposition bedroht wird. Und sexistische Dinge bringt er auch auf die Bühne, verdreht diese Aktionen dann aber so, dass er als Feminist dasteht, was er meiner Meinung nach aber offensichtlich nicht ist.
Auch das glückliche Paar (ja, die heißen im Text so) führt ein "feministisches Modelabel". Das bedeutet im Klartext: Sie haben eine Schürzenkollektion zum Thema "starke Frauen", bei der die ausgewählten Frauen auf ihr Aussehen reduziert werden.

Der Text arbeitet viel mit der Stream-of-consciousness-Technik. Das macht die Leseerfahrung sehr intensiv, ich verstehe aber auch, dass es Leute gibt, denen das nicht zusagt. Man ist einfach mittendrin in der Situation und genau wie die Protagonistin kann man der Party nicht entkommen.

Was mich gestört hat, ist die Tatsache, dass es keine Unterbrechungen durch Kapitel gibt. Ich lese normalerweise immer, bis ein Kapitel zu Ende ist, bevor ich ein Buch zur Seite lege. Hier ging das aber nicht, was mich etwas unzufrieden machte. Ich verstehe die Entscheidung aus stilistischer Sicht, aber das heißt nicht, dass ich sie gut finde.

Was ich schrecklich finde, ist die Tatsache, dass am Ende des Buchs die reale Natascha Kampusch aufgegriffen und niedergemacht wird. Ja, das ist ein Stilmittel. Ja, die Autorin will aufregen und schocken. Trotzdem finde ich es daneben. Man hätte ja auch eine fiktionale Figur schaffen können - damit hätte man eine ähnliche Wirkung erzielen können. Aber so wirkt es, als wäre es der Autorin darum gegangen, um jeden Preis eine Schockwirkung zu erzielen und ich finde das nicht gut.

Auch war ich dann am Ende enttäuscht vom recht schwachen Widerspruch der Protagonistin. Das war mir nach fast 200 Seiten Parolen zu wenig. Ich habe das ganze Buch auf diesen Moment gewartet und dann wurde das so schnell abgehandelt.

Mein Fazit? Gerade zu Beginn fand ich dieses Buch sehr spannend. Allerdings ist die zweite Hälfte schwächer und das Ende hat mich enttäuscht. Schade!

Samstag, 16. Oktober 2021

Frauen Literatur

 Autorin: Nicole Seifert
Erschienen am 9.9.2021
Im Kiepenheuer & Witsch Verlag
ISBN: 9783462002362
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag

Klappentext:
"»Banal, kitschig, trivial« – wenn wir Schriftstellerinnen weiter abwerten, verpassen wir das Beste!

Sollte das Geschlecht des Schreibenden eine Rolle spielen bei der Lektüreauswahl? Natürlich nicht, würden wohl die meisten sagen. Und doch werden literarische Werke von Frauen seltener verlegt, besprochen und mit Preisen versehen. Das muss ein Ende haben. Nicole Seifert liefert das Buch zur Debatte – klug, fundiert und inspirierend.

Banal, kitschig, trivial – drei Adjektive, mit denen das literarische Schaffen von Frauen seit Jahrhunderten abgewertet wird. Während Autoren tausende von Seiten mit Alltagsbeschreibungen füllen und dafür gefeiert werden, wird Schriftstellerinnen, die Ähnliches unternehmen, Befindlichkeitsprosa vorgeworfen. Nicole Seifert ist angetreten, die frauenfeindlichen Strukturen im Literaturbetrieb aufzuzeigen. Denn von vielen von Frauen verfassten Büchern hören wir erst gar nicht, weil Zeitungs-, Radio- und Fernsehredaktionen und noch davor Buchverlage eine entsprechende Vorauswahl treffen. Vom Deutschunterricht bis zum Germanistikstudium ist der Autorinnenanteil noch immer verschwindend gering, und so lernen wir von Anfang an: Was literarisch wertvoll ist, stammt von Männern. Nachdem Nicole Seifert drei Jahre lang ausschließlich Literatur von Frauen – Klassiker wie Zeitgenössisches, Bekanntes wie Unbekannteres – gelesen hat, ist klar: Die vielbeschworene »Qualität« ist nicht das Problem. Im Gegenteil: Wir verpassen das Beste, wenn wir in unseren Bücherregalen nicht endlich eine Frauenquote einführen."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Meine liebe kleine Gemeinde an Bücherfreund:innen, die diese Rezension liest: Holt euch dieses Buch uns lest es. Tut es einfach und dankt mir später dafür.

Als mir der Verlag die ersten Informationen zu diesem Buch schickte, war ich sofort angefixt. Ihr könnt alle erahnen, wie viel Platz Literatur in meinem Leben einnimmt. Und da ich mich selbst als Feministin betrachte, ist mir auch bewusst, dass die Buchbranche leider bis heute ein eher männlich geprägtes Feld ist. Vor allem, wenn man auf die sogenannte "Hochliteratur" blickt. Und auch das, was man uns als Klassiker verkauft, sind meistens Bücher von Männern und oft über Männern. In meiner Schulzeit hat es keine einzige Frau auf die Liste der Klassenlektüren geschafft. Auf der Uni war das dann schon ausgeglichener: Hier durfte ich Margaret Atwood kennenlernen, Murasaki Shikibu, Sylvia Plath, Virginia Woolf,... Aber ich weiß, dass das nicht bei allen Literaturstudent:innen vor mir der Fall war und das Geschlechterverhältnis auch stark von den Professor:innen abhängig ist, die die Leselisten zusammenstellen.

Nicole Seifert beschäftigt sich in diesem Buch mit genau diesem Problem und stellt sich die Frage, warum das so ist und was an den Argumenten, die dafür genannt werden, eigentlich dran ist. Sind von Frauen geschriebene Bücher wirklich schlechter als die von Männern? Sind ihre Themen langweiliger? Schreiben sie wirklich nur für Frauen? Oder ist das vielleicht doch Sexismus, dieser alte Quälgeist?
 Seifert schreibt hier über den aktuellen Literaturbetrieb und über das Bildungssystem, aber auch über vergangene Epochen. Sie bespricht Strukturen, die Frauen das Schreiben und Veröffentlichen schwer gemacht haben und es teilweise immer noch tun und geht auf einzelne Autorinnen und ihre Werke ein.

Ihr müsst aber keine Angst haben, dass dieses Buch einfach nur eine total trockene Analyse ist, denn das ist nicht der Fall. Dieses Sachbuch ist unterhaltsam, manchmal lustig, immer spannend. Meine Meinung nach sollte man etwas Vorwissen über Literatur mitbringen, zumindest war ich froh darüber. Allerdings ist dieses Buch jetzt auch nichts, vor dem man als interessierte Laie zurückschrecken muss. Der Stil ist nicht so kompliziert wie der vieler anderer Sachtexte, deswegen solltet ihr auf jeden Fall mal versuchen, ob ihr reinkommt.

Mein Fazit? Für mich gehört dieses Buch ganz klar zu meinen Jahreshighlights. Lest es. Alle.