Dienstag, 7. März 2023

Wie man mit einem Lachs verreist und andere nützliche Ratschläge [Kurzrezension]

 

Quelle: Verlag

Solltet ihr je planen, Literaturwissenschaft oder ein ähnliches Fach zu studieren, dann bereitet euch schonmal darauf vor, dass euch jeder in eurem Bekanntenkreis plötzlich kistenweise Klassiker vorbeibringen wird, denn ihr braucht die ja sicher dringender. Und dann habt ihr plötzlich vier Ausgaben von Goethes "Faust" als Reclamhefte herumliegen und wisst nicht so richtig, was man denn jetzt damit anfangen soll. Gott sei Dank sind da manchmal aber auch kleine Schätze dabei! Zum Beispiel hat mein Vater mir unter anderem dieses Buch vererbt - was bedeutet, dass ich nicht nur dieses Buch lesen durfte, sondern auch die Anmerkungen, die er in dieses Buch gekritzelt hat als er in meinem Alter war, was ebenfalls spannend ist.

Ich muss zugeben, dass ich bisher von Umberto Eco weniger Bücher gelesen habe, als ich wahrscheinlich gelesen haben sollte. Bei so großen Autor:innen gibt es da immer einen ziemlich ordentlichen Druck, dass ich das kennen muss, verstehen muss und jedem Menschen, den ich ganz zufällig im Bus treffe, erklären können muss. Und natürlich muss mir jede Notiz dieser Autoren gefallen, denn die sind Klassiker und haben damit eigentlich fast Heiligenstatus und nicht sofort vor ihren Werken auf die Knie zu gehen, grenzt fast schon als Ketzerei. Kein Wunder also, dass nicht immer unbedingt Lust darauf habe, die großen Werke zu lesen, denn so eine Art von Druck kann ich in meinem Leben nicht brauchen.

In diesem Büchlein findet ihr verschiedene Kurztexte von Umberto Eco. Größtenteils handelt es sich dabei um satirische Ratschläge und Gebrauchsanweisungen: Wie funktionieren öffentliche Bibliotheken? Wie rechtfertige ich meine Büchersammlung vor Fremden? Wie zitiere ich eigentlich richtig in wissenschaftlichen Texten? Wie überlebe ich den Zoll, wenn ich ins Ausland reise? Oder auch: Wie verreise ich mit einem Lachs? Diese Gebrauchsanweisungen fand ich super spannend und lustig. Es handelt sich dabei natürlich größtenteils um Satire und es war für mich sehr interessant, zu sehen, was denn zum Zeitpunkt des Entstehens gerade Themen gewesen sein müssen, die Umberto Eco beschäftigt haben.

Danach folgt ein Nachrichtenaustausch, der in der Zukunft zwischen verschiedenen Arten von Aliens stattfindet. Ich hatte ehrlich keine Ahnung, dass Umberto Eco je Science Fiction geschrieben hat. Spannend fand ich, dass die Kommunikation hier so stark durch Vorurteile der verschiedenen "Rassen" und durch Misskommunikation geprägt wird, sowie durch die Unfähigkeit, seinen eigenen Standpunkt zu verlassen. Das erinnerte mich stark an den Umgang, den wir Menschen auch untereinander haben, wenn es darum geht, mit dem "Fremden", dem "Anderen" umzugehen. Und wir sind ja alle nur Menschen! Keine unterschiedlichen Spezies, die von anderen Planeten abstammen.

Trotz der Tatsache, dass mich dieser Nachrichtenaustausch so offensichtlich zum Nachdenken anregte, muss ich gestehen, dass ich gegen Ende das Interesse an dieser Kommunikation verlor. Ich hatte einfach das Gefühl, dass mir Vorwissen zu dieser Welt fehlt, die Umberto Eco uns hier zeigt. Es würde mich interessieren, ob zu dieser Welt wirklich nur diese paar Nachrichten existieren, die hier abgedruckt wurden, oder ob diese Nachrichten eine Art "Zusatzmaterial" zu einem längeren Text sind, von dem ich einfach bisher nichts gewusst habe.

Dieses Buch schließt dann mit ein paar Kurzgeschichten, die mich aber ehrlich gesagt nicht so ganz fesseln konnten. Ich glaube das liegt vor allem daran, dass der Ton meiner Meinung nach nicht wirklich zu den vorhergehenden Texten passte.

Mein Fazit? Alles in allem ein cooles Buch, das ich über weite Teile spannend fand. Wie es aber mit Sammlungen dieser Art immer ist, war für mich nicht jeder Text gleich interessant und mit ein paar konnte ich leider auch gar nichts anfangen. Aber alles in allem eine lesenswerte Sammlung.

Samstag, 4. März 2023

Piranesi [Kurzrezension]

 

Quelle: Verlag

Dieses Buch habe ich im letzten Semester gemeinsam mit meinem Buchclub gelesen. Beendet habe ich es aber erst im Februar. Der Grund dafür war ganz sicher nicht die Qualität des Buches, eher die Tatsache, dass ich mir im letzten Semester mal wieder viel mehr Arbeit aufgeladen habe, als gut für mich ist, und deswegen nicht dazu kam, einfach mal Bücher nur für mich zu lesen.

In "Piranesi" geht es um Piranesi, einen Mann, der in einem extrem großen Haus lebt. Außerhalb vom Haus gibt es nichts, aber das ist auch gar nicht nötig, denn das Haus ist so groß, dass es gar nicht möglich ist, jeden einzelnen Raum zu erkunden. Teile des Hauses sind überschwemmt, bei anderen Zimmern ist die Decke eingestürzt. Es gibt Fische, Vögel und unterschiedliche Statuen, die ich mir wie antike Statuen vorgestellt habe. Und dann ist da noch Piranesi, der in diesem Haus lebt, und der Andere, der Piranesi manchmal besuchen kommt und der in diesem Haus Forschungen anstellt, die Piranesi nicht ganz versteht, die er aber gerne unterstützt.

Hört sich jetzt mal nicht nach besonders viel Inhalt an, oder? Im Vergleich zu vielen anderen Büchern passiert hier auch recht wenig, aber das war für mich in Ordnung. Das gleicht dieser Roman durch Piranesis Gedankengänge und durch seine Überlegungen über dieses Haus mehr als aus. In meinem Kopf ging es durch diesen Text rund. Ich versuchte, mir jeden einzelnen Raum vorzustellen, der hier beschrieben wird, war vom Unterschied zwischen Piranesi und dem Anderen fasziniert und musste mir sofort ausmalen, wie es mir wohl gehen würde, wenn ich in Piranesis Haut stecken würde und da mehr oder weniger alleine durch dieses Haus wandern würde. (Spoiler: Ich würde das wahrscheinlich um einiges schlechter wegstecken. Auch wenn ich die meisten Menschen nicht besonders mag und nicht verstehe, brauche ich sie leider. Leider.)

"Piranesi" glänzt meiner Meinung nach vor allem durch diesen wunderschönen Schreibstil und durch ein Gedankenspiel, das für mich neu war und das ich so noch nicht kannte. Und genau das machte die Lektüre für mich so spannend. Auch das Ende ist gut gelöst - da hatte ich gerade gegen Beginn Angst, dass das für mich unbefriedigend sein könnte, wenn im Mittelteil nicht genügend Entwicklung stattfindet. Aber nein, keine Angst, ich konnte das Buch glücklich zuschlagen und war sehr glücklich damit.

Mein Fazit? Dieses Buch konnte mich begeistern und ich kann es euch mit gutem Gewissen weiterempfehlen. Gerade wenn ihr Lust auf eine ungewöhnliche Geschichte habt, könnte euch dieses Buch gefallen.

Mittwoch, 1. März 2023

We had to remove this post [Kurzrezension]

Quelle: Verlag

Als ich letzte Woche in Amsterdam war, wollte ich natürlich mal wieder ein Buch kaufen, auch wenn ich immer noch über 200 ungelesene auf meinem Stapel der Schande liegen habe. Und ich war offen für eigentlich alles: jedes Genre, jedes Thema. Meine einzigen Voraussetzungen waren, dass es in einer Sprache erhältlich ist, die ich verstehe und dass es von einer lokalen Autorin stammt. Also habe ich mich für das neue Buch von Hanna Bervoets entschieden. Bervoets kenne ich schon von "Flauschig" und dieses Buch mochte ich, also konnte ich mit "We had to remove this post" nicht viel falsch machen.

Ich gehe davon aus, dass sich alle, die sich hier auf meinem Blog herumtreiben, schonmal zumindest oberflächlich mit dem Internet beschäftigt haben. Und alle, die irgendwann mal auf einem Forum oder so unterwegs waren, wissen, dass Menschen online noch unangenehmer als in der Realität sein können. Die Anonymität gibt vielen anscheinend das Gefühl, sich nicht für den Schmarrn zu verantworten zu müssen, den sie von sich geben. Daraus kann Gutes entstehen (mein Blog), aber auch sehr viel Schlechtes, ohne das wir als Gesellschaft sicher besser dran wären. Ungefragte Dickpics und Nacktfotos, Falschinformation und Verschwörungstheorien, Drohungen, Hass und die Darstellung von Gewalt. Wenn ich zu viel Zeit in Foren verbringe, verliere ich das Vertrauen in die Menschheit und beginne zu überlegen, mich für eine Marsmission als Freiwillige zu melden.

Moderator:innen von sozialen Netzwerken beneide ich deswegen auch wirklich nicht um ihren Beruf. Wisst ihr, für manche Berufe wäre ich einfach ungeeignet: Kellnerin (weil ich dafür zu oft stolpere), Pilotin (wegen meiner zu dicken Brille), Moderatorin von Facebook, Reddit und co. (wegen meiner Haut, die dafür definitiv nicht dick genug wäre). Moderator:innen sehen ja nicht nur hin und wieder einen dummen oder gemeinen Post, sondern den lieben langen Tag nur solche Beiträge. Und darunter sind auch Fotos und Videos von Dingen, die wir uns nichtmal vorstellen können: Enthauptungen, Selbstmorde, Gewalt an Tieren,... Warum auch immer jemand sowas überhaupt tut - und es dann auch noch für eine gute Idee hält, das online zu stellen... Kein Wunder, dass manche Moderator:innen nun mit Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen haben.

Hanna Bervoets beschreibt in diesem Buch das Leben einer solchen Moderatorin: Kayleigh. Sie hat diese Stelle vor allem angenommen, weil die Bezahlung dort besser ist als in dem Callcenter, wo sie bisher tätig war. Und die Dinge, die sie dort sieht, findet sie zwar natürlich schrecklich, aber sie schafft es, sich davon zu distanzieren und wenigstens wird sie nicht den lieben langen Tag von unzufriedenen Kund:innen angeschrien. Doch sie bekommt auch mit, dass nicht alle es schaffen, diese Dinge so gut wegzustecken. Ihre Kolleg:innen überstehen den Tag teils nur noch durch Drogen, ihre neue Partnerin und Arbeitskollegin Sigrid kann wegen der Dinge, die sie sich ansehen musste, nicht mehr schlafen, und wieder andere schließen sich scheinbar absurden Verschwörungstheorien an und beginnen die Dinge zu glauben, die sie den lieben langen Tag lang sehen müssen.

Und auch wenn Kayleigh scheinbar weniger von den Dingen betroffen ist, die sie sehen muss, wird uns als Leser:innen recht schnell und vor allem dann gegen Ende klar, dass wir vielleicht nicht alles glauben sollten, was uns Kayleigh erzählt. Wir müssen ihr natürlich bis zu einem gewissen Grad vertrauen, aber dann gegen Ende... Uff, keine Ahnung, wie glaubwürdig sie als Erzählerin wirklich ist. Das machte die ganze Geschichte für mich noch interessanter, denn ich hatte, als ich das Buch wieder zuklappte, keine Ahnung mehr, was ich denn wirklich glauben soll. Und das sorgte wiederum dazu, dass ich über manche der Stellen immer noch nachgrüble.

Auch der Schreibstil gefiel mir. Dieses Buch ist eine Art Briefroman. Kayleigh schreibt an einen Anwalt, der ihre ehemaligen Kolleg:innen vertritt, die beschlossen haben, die Social Media Seite zu verklagen, für die sie arbeiten. Was meiner Meinung durchaus gerechtfertigt ist: Man kann nicht verlangen, dass sich Menschen 40 Stunden die Woche mit grauenhaften Bildern, Videos und Texten beschäftigen und davon keinen Schaden davontragen. Da müsste es meiner Meinung nach doch Pflicht sein, die Leute mit Psychologen, mit Therapie, kürzeren Arbeitszeiten und viel höherer Entlohnung zu entschädigen und so zumindest Schadensbegrenzung zu betreiben.

Mein Fazit? Total spannender Roman über ein Thema, über das wir im Alltag viel öfter nachdenken sollten.