Mittwoch, 16. August 2023

Let's Talk About Sex, Habibi [Kurzrezension]

 

Quelle: Verlag

Dieses Buch hat mir die liebe V. aus dem Buchclub zum Geburtstag geschenkt. Im Herbst 2022 waren wir beide bei einer Gesprächsrunde mit dem Autor mit dabei. Wir beide waren begeistert und haben danach noch lange darüber geredet. Und sie hat auch schnell danach das Buch gekauft und gelesen und mir die Lektüre ans Herz gelegt. Und ich habe das Buch auch auf meine Wunschliste gesetzt - und danach nicht mehr wirklich daran gedacht. Aus irgendeinem Grund habe ich es nicht mehr in Buchhandlungen oder so gesehen oder zumindest nicht aktiv wahrgenommen. Nachdem es jetzt dann aber eh in meinem Zimmer lag, habe ich es auch gleich gelesen.

In diesem Buch geht es - wie könnte es bei dem Titel auch anders sein - um Sex. Genauer: Um Sex und Sexualität in Nordafrika. Denn beides hat bei uns in Europa nicht gerade den besten Ruf, was man gerade dann sieht, wenn rechte Politiker:innen und ihre Anhänger:innen mal wieder über Flüchtlinge sprechen. Haben wir alle schon mal mit anhören müssen, ich muss also nicht unbedingt wiederholen, welche Lügen da gerne verbreitet werden.

Der Autor betrachtet hier Sex und Sexualität auf verschiedenen Ebenen. Es geht zum Beispiel um den Kondomkauf in verschiedenen Ländern, um Aufklärungsunterricht in der Schule oder auch um Queerness. Der Schreibstil ist locker und über weite Stellen lustig, an den richtigen Stellen aber auch ernst. Einige Themen fanden mehr Platz als andere, was für mich durchaus verständlich war. Der Fokus lag immer auch darauf, welche Vorurteile Europäer:innen denn so gegenüber Nordafrikanern mitbringen und wie das tatsächlich ist. Amjahid spricht dabei auch viel über seine eigenen Erfahrungen mit diesen Themen, was ich für wichtig halte. Statistiken, Zahlen und Fakten sind ja schön und gut, aber Anekdoten aus dem eigenen Leben sind halt doch unterhaltsamer und bleiben im Kopf. Und Anekdoten hatte der Autor viele zu erzählen - in seinem Leben und als Journalist und Autor ist er doch schon viel herumgekommen.

Stellenweise hätte das Buch meiner Meinung nach strukturierter sein können, da der Autor doch manchmal über mehrere Themen gleichzeitig zu sprechen schien, das ist aber eigentlich schon der einzige Kritikpunkt, den ich hier ansprechen möchte. 

Mein Fazit? Ein sehr spannendes Buch, über das ich sicher noch das ein oder andere Gespräch führen werde.

Sonntag, 13. August 2023

Girlcrush [Kurzrezension]

 

Quelle: Verlag

Erst im Juni habe ich mein erstes Buch der Autorin gelesen, die dafür ja auch sehr gehyped wurde: "Frauen schulden dir gar nichts." "Girlcrush" wiederum hat online weniger Aufmerksamkeit bekommen. Das hängt wahrscheinlich unter anderem mit dem Genrewechsel zusammen, zumindest ist das meine Theorie. "Girlcrush" ist nämlich kein Sachbuch bzw. Ratgeber, sondern ein Roman. Und noch dazu nicht unbedingt der einfachste Roman, den ich je gelesen habe. Was jetzt für mich nicht unbedingt etwas Negatives ist, ist halt einfach nicht mehr für alle Menschen einfach so zugänglich.

In diesem Roman geht es um Eartha. Sie ist eine bisexuelle Künstlerin, wohnt in einer grottigen Wohnung und hat gerade ihren Freund rausgeschmissen, weil er sie mit einer anderen Frau betrogen hat und dieser Frau auch noch ihr Lieblingsshirt geschenkt hat, das sie selbst designt hat. Jetzt, wo er endlich weg ist (die Trennung war lange überfällig, da sind Eartha und ich uns einig) schafft Eartha es, sich endlich als bi zu outen - und ihr Outing geht viral. Ganz Wonderland (DIE Social-Media-Seite in Earthas Welt) hat dieses Video gesehen und plötzlich wird Eartha als die Stimme ihrer Generation gesehen. Alle kennen sie, alle lieben sie, alle beobachten sie. Und Eartha muss am eigenen Leib erfahren, wie schnell sich Liebe in Hass und positiver Zuspruch in einen Shitstorm verwandeln kann.

Kleine Anmerkung gleich zu Beginn: Vielleicht wäre es hier angebracht gewesen, Triggerwarnungen im Buch zu platzieren. Das hier ist keine einfache, keine lustige Lektüre, zumindest über weite Teile nicht. Es geht hier um Gewalt in der Beziehung, um Depressionen und Missbrauch und Biphobie bzw. Bi-erasure und Queerphobia generell. Bi-erasure bezeichnet die Tendenz von Menschen und Medien, Bisexualität zu verdrängen und als nicht-existent darzustellen. Hier geschieht das zum Beispiel, wenn Eartha es wagt, einen Mann zu küssen. Denn wenn sie einen Mann küsst, dann bezeichnet sie sich offensichtlich ja nur als bi, um Aufmerksamkeit zu bekommen, oder? Also hat sie dafür wohl einen ordentlichen Shitstorm verdient, oder? Nein, Leute, deswegen hier ein kleiner Reminder, auch wenn ich nicht glaube, dass jemand von euch den wirklich braucht: Bisexuell bedeutet, dass eine Person nicht nur ein Geschlecht anziehend findet. Es bedeutet nicht, dass eine Person nie in einer Beziehung sein wird, die hetero auf die Außenwelt wirkt. Eine bi-Person kann daten, wen er:sie:they will und diese Person wird trotzdem bi bleiben. Außer, wenn diese Person entscheidet, dass sie sich nicht mehr als bi bezeichnen möchte. Sexuality is fluid und für manche Menschen ändert sich das im Laufe ihres Lebens. Das bedeutet dann aber nicht unbedingt, dass das vorherige Label falsch oder nur ein Übergangslabel war, sondern nur, dass dieses Label in dem Lebensabschnitt, in dem sich diese Person befindet, grade nicht mehr passt.

Die Geschichte war meiner Meinung nach keine einfache Lektüre. Ich musste das Buch immer wieder kurz zur Seite legen und tief durchatmen. Das war für mich unerwartet, da das Buch von außen und in den ersten Kapiteln gar nicht so ernst wirkt. Umso überraschter war ich, wie ernst und düster der Ton der Geschichte bald wurde. Wie gesagt: Triggerwarnungen wären hier definitiv angebracht gewesen, denn das ist sicher nicht für alle Menschen geeignet. Und selbst wenn ihr mit den Triggern kein Problem habt, ist es wohl gut, einfach zu wissen, dass das hier keine locker-flockige Lektüre ist, wie es auf den ersten Blick wohl wirken könnte.

Ich habe die Lektüre trotz der düsteren Stimmung genossen. Die Figuren sind spannend, das Setting ist interessant und ich fand es spannend, Earthas Weg zur Online-Persönlichkeit nachzuverfolgen. Influencer gibt es ja auch in unserer Welt und durch dieses Buch begegne ich Influencer:innen, die mir online angezeigt werden, inzwischen fast schon mit Mitleid. Ja, diese Leute sind berühmt und sehen eigentlich immer glücklich aus, aber dieses Leben wäre mein Albtraum. Ich würde auf keinen Fall wollen, dass mein Privatleben in meinem Beruf so eine große Rolle spielt. Ich würde nicht wollen, dass sich Menschen online eine Meinung zu meinem Aussehen, meiner Familie, meinen Partnern, meiner Wohnung oder meinen Freundschaften bilden. Sorry Leute, aber das geht euch alle nichts an. Ich gehe davon aus, dass ihr hier seid, um meine Meinung zu verschiedenen Büchern zu lesen und nicht, weil ihr wie Creeps darauf hofft, dass ihr hier mehr über mein Privatleben erfahrt.

Spannend fand ich die Entscheidung des Verlags, hier tatsächlich alles strikt durchzugendern. Machte für mich auch voll Sinn und passte zu Eartha, aus deren Sicht wir die Geschichte erzählt bekamen. Es passte so gut, dass mir erst im Nachhinein auffiel, dass das nicht so im englischen Original stehen kann. Die meisten Bezeichnungen sind im Englischen auch so schon genderneutral (zumindest meines Wissens nach), deswegen muss während der Übersetzung diese Entscheidung gefallen sein. Wie gesagt, ich fand das super spannend. Und es machte mir auch Lust, mal das Original in die Hand zu nehmen, um zu sehen, wie das denn dort geschrieben wurde und ob mir dort überhaupt irgendwas auffällt.

Interessant finde ich auch den Wechsel zwischen den verschiedenen Stilarten, wie er hier stattfand. Manche Stellen sind wie ein normaler Roman geschrieben, manche wie ein Drehbuch, vieles auch in Form von Postings mit den entsprechenden Kommentaren oder Chatverläufe. Ich mochte das, ist aber sicher nicht für alle was.

Den einzigen Abzug gibt es von meiner Seite dafür, dass das Buch gerade gegen Ende hin etwas unstrukturiert wirkte. Einerseits konnte ich das verstehen, da Eartha halt doch immer mehr den Bezug zur Realität verliert, andererseits gab es hier dann doch einige wichtige Szenen (vor allem eine), wo es vielleicht hilfreich gewesen wäre, wenn ich als Leserin schon auf den ersten Blick verstanden hätte, was denn da passiert ist.

Mein Fazit? Dieses Buch hat online nicht besonders viel Anklang gefunden, mir hat es aber gut gefallen. Man muss in einer bestimmten Stimmung sein, um dieses Buch zu mögen, ich hatte aber das Glück, dieses Buch in genau dem richtigen Moment gefunden zu haben.

Donnerstag, 10. August 2023

Die Tochter des Doktor Moreau [Abgebrochen]

 Autorin: Silvia Moreno-Garcia
Erschienen am 24.05.2023
Im Limes Verlag
ISBN: 9783809027621
Rezensionsexemplar: Ja

Quelle: Verlag


Klappentext:
"Dieser Dschungel verbirgt die dunkelsten Geheimnisse: Nach »Der mexikanische Fluch« der neue Bestseller von Silvia Moreno-Garcia!

Mexiko, Ende des 19. Jahrhunderts: Carlota Moreau wächst fern von der zivilisierten Welt im Dschungel der Halbinsel Yucatán auf. Sie ist die Tochter eines begabten Wissenschaftlers, der auf seinem Anwesen geheime Experimente durchführt. Als Eduardo Lizalde, der Sohn von Doktor Moreaus Geldgeber, eintrifft und Carlota den Hof macht, scheint ihr Weg in die feine Gesellschaft vorgezeichnet. Doch die dunklen Labore verbergen unzählige Geheimnisse – und das gefährlichste von ihnen ist Carlota selbst."
Quelle: Verlag

Meine Meinung:
Über diese Autorin habe ich so, so, so viel Positives gehört. Gerade auf Goodreads werden ihre Bücher gelobt wie sonst was. Und deswegen wollte ich mich jetzt auch mal an ein Buch von ihr wagen. "Doktor Moreau" kam mir dafür wie der perfekte Kandidat vor. Immerhin kannte ich die Geschichte bereits davor und bin sowohl von Doktor Moreau als auch von Carlota sehr fasziniert. Auch in "Der seltsame Fall der Alchemisten Tochter" hat sie ja einen Auftritt und dort war sie eigentliche eine meiner Lieblingsfiguren. Umso trauriger und enttäuschter bin ich, dass mir dieses Buch einfach so wenig zugesagt hat, dass ich kurz nach der Hälfte beschlossen habe, abzubrechen.

Vielleicht beginnen wir mit den Erwartungen, die ich an dieses Buch hatte. Ich wollte einen Roman mit klar erkennbaren Horrorelementen und Gruselfaktor lesen. In die gruseligen Experimente des Dokotr Moreaus wollte ich klaren Einblick erhalten - und gerade die "dunklen Labore" mit den "unzähligen Geheimnissen", die im Klappentext angekündigt wurden, haben mein Interesse geweckt. Dass da dann noch eine interessante Liebesgeschichte mit Eduardo kommen soll, war mir recht, denn ich erwartete mir, dass sich das klar und glaubwürdig in das Setting einfügt. Leider kann ich aber von keiner dieser Erwartungen sagen, dass sie sich erfüllt haben. Horrorelemente und Gruselfaktor sucht man in diesem Roman umsonst. Die gruseligen Experimente spielen nur am Rande eine Rolle und durch das Fehlen von irgendeinem Geheimnis vor uns Leser:innen kam hier keine Spannung auf. Schon im ersten Kapitel wird genau erklärt, welche Experimente wie und warum durchgeführt werden und für Carlota sind diese Experimente nichts besonderes, sie stellt sie also nicht in Frage. Auch die Liebesgeschichte mit Eduardo konnte mich nicht fesseln. Er ist kein besonders spannender oder ungewöhnlicher Charakter und zwischen ihm und Carlota konnte ich keinerlei Chemie erkennen. Dafür zwischen Carlota und Montgomery, dem Gehilfen Moreaus, der Carlota kennt, seit sie ein Kind war und über zehn Jahre älter ist als sie. Ja, Carlota ist inzwischen erwachsen, aber trotzdem war das für mich eine riesengroße Red Flag, die ich nicht ignorieren konnte und die ich als äußerst unangenehm empfand. Und trotz Montgomerys unangenehmer und unangemessener romantischer und sexueller Anziehung wurde uns diese Figur als die reifste und vernünftigste präsentiert. Was meiner Meinung nach bereits sehr viel über die anderen Figuren aussagt.

Carlota als die eigentliche Hauptfigur fehlte es an Tiefe. Sie verkörperte immer genau die Eigenschaften, die in einer Situation gefragt sind und kam mir dabei vor wie ein Chamäleon. Schwächen hatte sie (außer ihre Naivität in zwischenmenschlichen Angelegenheiten) keine und auch das machte sie für mich nicht wirklich sympathischer.

Generell fand ich es traurig, dass das Setting der wissenschaftlichen Experimente und der Labore nicht weiter genutzt wurde. So fühlte sich das wie ein 08/15 historischer Roman mit historischer Liebesgeschichte an, die für mich keinerlei Besonderheiten aufwies.

Auch ein Aspekt, der mich in Büchern immer wieder auf die Palme bringt, ist hier vorgekommen: Die gleichen Szenen wurden aus verschiedenen Perspektiven erzählt und das beide Male mit vielen Details. Sowas langweilt mich immer. Warum sollte ich die gleiche Szene mehrfach lesen wollen, wenn ich dadurch nicht wirklich wichtige Infos erfahre? Ich kenne diese Stelle dann ja schon, das brauche ich nicht nochmal!

Mein Fazit? Dieser Roman war für mich sehr enttäuschend. Das hier war der erste Roman, den ich von der Autorin gelesen habe und ich befürchte, dass das auch der letzte sein wird.